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Skandal um adoptierte Kinder Illegaler Babyschmuggel aus Sri Lanka in die Schweiz

Legende: Video Viele Kinder wurden gestohlen und verkauft abspielen. Laufzeit 11:35 Minuten.
Aus Rundschau vom 16.05.2018.
  • 11'000 Kinder aus Sri Lanka wurden in den 1980er Jahren von westlichen Paaren adoptiert – zum Teil mit gefälschten Identitäten.
  • Auch in der Schweiz waren die umstrittenen Adoptionsvermittler aktiv.
  • Der Bund muss die damalige Praxis jetzt untersuchen, denn die 700 betroffenen Kinder sind heute erwachsen und fordern Gerechtigkeit.

In den 1980er Jahren wurden Kleinkinder gestohlen, verkauft oder mit falschen Identitäten an westliche Paare vermittelt. Auch in die Schweiz.
Brisant: Die Medien berichteten dazumal über diesen Babyhandel. Aber die Geschichte ging vergessen. Bis eine holländische TV-Reportage, Link öffnet in einem neuen Fenster das dunkle Kapitel wieder aufgegriffen hat. Seither sorgt der Adoptionsskandal von Sri Lanka international für Aufsehen.

Die damaligen Adoptivkinder sind heute erwachsen und stellen Fragen.
Autor: Joëlle Schickel-KüngLeiterin Zentralbehörde für internationale Adoptionen beim Bundesamt für Justiz

Joëlle Schickel-Küng leitet die Zentralbehörde für internationale Adoptionen beim Bundesamt für Justiz. «Für die Schweizer Behörden waren diese Verfahren abgeschlossen, doch nun sind die Kinder erwachsen und stellen Fragen». Der Bund muss jetzt die damalige Schweizer Adoptionspraxis untersuchen.

Auf «Babyfarm» verkauft

Auf der Herkunftssuche in Sri Lanka stossen die damaligen Adoptivkinder meist auf Fragen – statt auf Antworten. Romy Walcher aber konnte ihre leibliche Mutter mit viel Glück finden. Die Mutter hat ihr dann erzählt, dass sie ein aussereheliches Verhältnis hatte und dabei schwanger wurde. Der rechtmässige Ehemann der Mutter hat Romy daraufhin auf eine «Babyfarm» verkauft.

Legende: Video Romy Lalitha Walcher erzählt ihre Geschichte abspielen. Laufzeit 09:41 Minuten.
Aus Rundschau vom 16.05.2018.

Dort wurden Kinder unter prekären Verhältnissen gehalten. Die Adoptionen abgewickelt hat ein Gericht in Colombo, private Vermittler aber halfen den westlichen Paaren beim Prozedere. Dabei spielten oft fremde Frauen gegen Bezahlung die leiblichen Mütter – um so Misstrauen bei den europäischen Adoptiveltern zu verhindern.

Die leibliche Mutter stieg mit Tränen in den Augen wieder in den Bus.
Autor: Pedro SutterEhemaliger Mitarbeiter einer Adoptivkindvermittlung über seine Erfahrung in Sri Lanka

«Ein Geschäft nach Wünschen der Adoptiveltern», sagt der pensionierte Sozialarbeiter Pedro Sutter. Er hat bei einer Schweizer Adoptionsvermittlung gearbeitet und spricht erstmals in der «Rundschau» über seine Erlebnisse.

1984 reiste er nach Sri Lanka, um sich über die genauen Abläufe zu informieren. «Die Mütter kamen mit ihren Kindern im Bus zum Gericht. Dort warteten westliche Adoptiveltern. Sie gingen hinein, nach fünf Minuten kam das Paar mit dem Kind raus. Die leibliche Mutter stieg mit Tränen in den Augen wieder in den Bus», erzählt Sutter.

Legende: Video Pedro Sutter über seine Mitarbeit in einer Adoptivkind-Vermittlung abspielen. Laufzeit 00:52 Minuten.
Aus News-Clip vom 16.05.2018.

In Sri Lanka erfuhr er zudem, dass die Kinderheime dort selten Kinder für Ausland-Adoptionen freigegeben haben. Anders die privaten Vermittler: Nur interessierte sich damals keiner dafür, wie diese Vermittler zu den vielen Kindern kamen. Und Gesetze zum Schutz der Kinder bei internationalen Adoptionen gab es damals noch nicht. Pedro Sutter verfasste einen kritischen Bericht über seinen Besuch in Sri Lanka. Dieser Bericht sei aber bei seiner Schweizer Adoptionsvermittlungsstelle schlecht angekommen. Er kündigte.

Umstrittene Schweizer Vermittlerin

In der Schweiz war die umtriebige Alice Honegger eine Schlüsselfigur bei der Vermittlung von Kleinkindern aus Sri Lanka. Die Sankt Gallerin leitete in den 1950er Jahren einen Verein, der sich um ledige Mütter in Not kümmerte und deren Kinder an Adoptiveltern vermittelte. Später vermittelte Alice Honegger auch srilankische Kinder an Schweizer Adoptiveltern. Ihre Geschäftspartnerin in Sri Lanka war die Rechtsanwältin Rukmani Thavanesan, eine bekannte Vermittlerin in Colombo.

Bund entzog Schweizer Vermittlerin Bewilligung

Anfang der 1980er Jahre wurde der illegale Babyschmuggel aus Sri Lanka öffentlich. Die Behörden in der Schweiz wurden stutzig, weil die srilankische Anwältin Thavanesan im Fokus des Schmuggelskandals stand. Mit ihr arbeitete auch die Schweizer Vermittlerin Alice Honegger zusammen. Der Kanton St. Gallen entzog Honegger in der Folge die Bewilligung für Adoptionen aus Sri Lanka – doch nur kurzzeitig.

Alice Honegger gründete nämlich zusammen mit Adoptiveltern einen Verein und eine Stiftung. Mit Erfolg: Es konnten wieder legal Kinder aus Sri Lanka in der Schweiz adoptiert werden. Für diesen neuen Verein arbeitete auch Sozialarbeiter Pedro Sutter. In Sri Lanka lernte er zudem die Anwältin Rukmani Thavanesan kennen. Diese habe vom Adoptionsgeschäft finanziell stark profitiert.

Passfoto Alice Honegger
Legende: Die umstrittene Schweizer Adoptivkind-Vermittlerin Alice Honegger. SRF

Alice Honegger starb 1997. Ihr Adoptivsohn, Rudolf Honegger, weist alle Vorwürfe an seine Mutter zurück. Der «Rundschau» teilt er mit, dass seine Mutter stets zum Wohle der Kinder gehandelte habe: «Meine Mutter hatte zu Frau Thavanesan ein gutes Verhältnis und ich denke, die beiden Damen haben sich immer an die Gesetze gehalten.» Bei Anfrage würde er die 250 Dossiers aus dieser Zeit den Behörden aushändigen.

Die betroffenen Adoptivkinder aus Sri Lanka sind heute erwachsen und haben jetzt ihrerseits einen Verein gegründet. Gemeinsam fordern sie nun Fakten und verlangen Unterstützung bei ihrer Herkunftssuche. Sie wollen wissen: Wer wusste was und wie viel? Ein dunkles, noch unbewältigtes Kapitel Schweizer Geschichte.

Verfahren gegen Schweizer Vermittlungsstelle

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Porträt von Joëlle Schickel-Küng
Legende:Joëlle Schickel-Küng vom Bundesamt für Justiz.SRF

Auf der Webseite des Bundesamts für Justiz war bis vor kurzem die Vermittlungsstelle Lanka Child aus Rothenburg aufgelistet. Heute nicht mehr. Warum? Das will die «Rundschau» von Joëlle Schickel-Küng vom Bundesamt für Justiz wissen. Ihre Antwort: Man habe der Vermittlungsstelle die Bewilligung entziehen müssen. Konkrete Gründe nennt sie nicht. «Korruption in den Herkunftsländern ist nach wie vor ein Problem», sagt sie und betont, dass der Entscheid nichts mit dem damaligen Adoptionsskandal zu tun hat. Und noch sei der Entscheid nicht rechtskräftig. Lanka Child will sich zum laufenden Verfahren nicht äussern.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Deswegen bin ich gegen Adoption. Die Adoptiveltern müssen zuerst verkraften, dass sie biologisch keine Eltern werden können, dann entscheiden sie sich, einem Kind Liebe zu schenken, das sonst ohne Liebe und höchstwahrscheinlich ohne Perspektiven aufwachsen würde, dann kommen solche Vorwürfe. Da bricht eine Welt zusammen. Ich bin eher für künstliche Befruchtung oder Leihmutter. Dann ist alles klar. obwohl die biologische Bindung genauso fehlt, es steckt aber keine hässliche Geschichte dahinter.
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    1. Antwort von Joel Busch (Joel)
      Das ist doch Unsinn. Denken Sie einem Kind das im Heim bleibt und nicht adoptiert wird geht es im Durchschnitt besser als einem adoptierten Kind?
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    2. Antwort von Daniele Röthenmund (Daniele Röthenmund)
      Ich habe es schwer , das was sie hier schreiben Nachzuvollziehen! Ich bin gerade Entgegengesetzter Meinung! Bin gegen künstliche Befruchtung oder Leihmutter, es hat so viele Kinder die Waisen sind, dieser Ego mit den eigenen Genen finde ich hat wenig mit einem Kinderwunsch zu tun als eher mit Eigenverliebtheit! Und das da alles klar ist möchte ich auch in Zweifel setzen!
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    3. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Aber in dieser Geschichte geht es nicht nur um die Perspektive des Kindes. Wenn das Kind aufwächst und seine leiblichen Eltern bzw. seine "heimatliche Kultur" sucht - und das tun die meisten, insbesondere diejenigen aus anderen Kulturen -, dann haben die Adoptiveltern das Nachsehen. Obwohl ein Erwachsener das Gewicht dieses Prozesses einschätzen können müsste. Zu dieser Meinung inspirieren mich nicht nur SRF-Dokus und Happy Day, sondern auch persönliche Erfahrungen mit Adoptivkindern.
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    4. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Frau Röthenmund: "dieser Ego mit den eigenen Genen finde ich hat wenig mit einem Kinderwunsch zu tun als eher mit Eigenverliebtheit" - zwar dicke Post an alle werdenden Eltern, die es biologisch schaffen aber trotzdem danke dafür. Sie haben mich soeben - ungewollt - bestätigt. Das Ego obliegt in dieser Geschichte bei Eltern und bei Kindern. :) Mein weiterer Post wird wahrscheinlich nicht veröffentlicht, schade eigentlich. Man darf doch einer anderen Meinung sein.
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  • Kommentar von Rudolf Baumberger (R.Baumberger)
    Ebenso interessant wie kaum im SRF wären Berichterstattung über mehrere Millionen nachgewiesene Illegale Organdiebstahle und Organhandel allein im ersten Jahrzehnt nach dem Jahr2000. Siehe auch www.organhandel.info/gewaltsame-organentwendung/
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    1. Antwort von Daniele Röthenmund (Daniele Röthenmund)
      Wer etwas darüber wissen will, im Internet gibt es gnug sehr gut Dos über dieses Thema. Besonders Indien ist davon schwer betroffen.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Nach der suedamerikanischen nun die suedasiatische Reuberpistole, statt der ueberfaelligen Recherche und Kampagnierung der Apartheidgeheimbuerokratie gegen die Adoption von farbigen Kindern durch aufopfernde Schweizer Eltern fuer einen kleinen Bruchteil an Kindersozialleistungen der KESBerlietheatertarife fuer Pflegeeltern.....
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