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Dirk Baier im Gespräch über Jugendgewalt
Aus 10vor10 vom 29.06.2020.
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Anstieg der Jugendgewalt «Eine Kultur der Wertschätzung von Gewalt hat sich durchgesetzt»

Die Jugendkriminalität in der Schweiz nimmt zu. Vor allem die Zahl der Gewaltstraftaten steigt an. Doch warum schlagen oder stechen junge Erwachsene vermehrt zu? Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der ZHAW, sieht vor allem zwei Ursachen.

Dirk Baier

Dirk Baier

Professor ZHAW

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Dirk Baier ist Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Jugendkriminalität, Gewaltkriminalität und Extremismus.

SRF News: Ausgangsverhalten, Lifestyle, Alkohol – Haben Sie noch weitere Erklärungen für die Zunahme der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen?

Dirk Baier: Ich würde noch zwei Ursachen ergänzen. Die erste klingt vielleicht etwas trivial, ist sie aber nicht: Es hat sich unter den Jugendlichen zunehmend eine Kultur der Wertschätzung von Gewalt durchgesetzt. Das heisst, man muss sich häufiger mit Gewalt selbst behaupten und auf Provokationen reagieren – gerade männliche Jugendliche. Da gibt es ein Revival von antiquierten Männlichkeitsorientierungen.

Woher kommt dieses Revival?

Ich denke, es ist unter anderem medial vorgelebt. Und vielleicht ist es auch eine gewisse Identitätsproblematik: Wie muss man als junger Mann heute sein? Das ist gar nicht mehr so einfach – und orientiert man sich an solchen antiquierten Dingen.

Vielleicht ist es auch eine gewisse Identitätsproblematik: Wie muss man denn als junger Mann heute sein?

Und dann sehe ich als eine zweite Ursache, dass wir uns in den letzten Jahren sehr stark auf die Prävention islamistischer Radikalisierung fokussiert haben und vielleicht die alltägliche Gewalt ein bisschen aus den Augen verloren haben.

Steigen deshalb die Zahlen seit 2015 wieder? Zuvor waren sie seit 2009 immer zurückgegangen.

Wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass die Jugendgewalt nur eine Entwicklung kennt, nämlich den Rückgang. Das führt dann dazu, dass wir uns nicht mehr um so ein Problem kümmern, da es nicht mehr so gegenwärtig ist. Und wir suchen uns neue Probleme, was die Schweiz gut gemacht hat. Die islamistische Radikalisierung hat ja keine grosse Rolle gespielt. Aber dann vergisst man eben ein Stück weit, sich um die alltägliche Gewalt zu kümmern.

Sprechen wir hier primär über ein männliches Problem?

Wenn wir über physische Gewalt reden, dann reden wir im Wesentlichen über Männer. Den Anstieg hat im Wesentlichen mit Männern zu tun. Bei weiblichen Jugendlichen sehen wir kaum Veränderungen im Gewaltverhalten. Es ist eine Krise der Männer, die ein Stück weit dahintersteht.

Wie stark ist der Migrationshintergrund ein Thema?

Das ist ein gefährliches Minenfeld, darüber zu sprechen. Fakt ist: Migrantenjugendliche haben eine etwas höhere Gewaltbereitschaft. Das hat aber viel mit den sozialen Umständen zu tun, zum Teil schlechtere Familienverhältnisse, zum Teil soziale Schwächen, vielleicht auch geringere Schulaussichten.

Fakt ist: Migrantenjugendliche haben eine etwas höhere Gewaltbereitschaft.

Wenn wir uns aber die Anstiege anschauen, muss man ganz klar sagen: Sie gehen auf einheimische Schweizer zurück, und weniger auf Migrantenjugendliche.

Wichtig ist das soziale Umfeld?

Das soziale Umfeld ist für Jugendliche der zentrale Raum. Und da liegen auch die Hauptursachen – zum Beispiel Familie und Schule – die Menschen dazu bringen, gewalttätig zu werden.

Wie kann diese Gewaltspirale unterbrochen werden?

Was wir nicht tun sollten, sind härtere Strafen einführen. Das bringt nichts, das wissen wir ganz klar. Jugendliche interessiert es nicht, ob es jetzt sechs oder neun Monate auf ein bestimmtes Delikt gibt.

Was es braucht, ist eine konzertierte Aktion, eine gemeinsame Haltung derjenigen Akteure, die sich mit Jugendlichen beschäftigen. Das sind die Schulen genauso gefragt wie die Elternhäuser und die Jugendsozialarbeit. Sie müssen es gemeinsam tun.

Das Gespräch führte Urs Gredig.

10vor10, 29.6.2020, 21:50 Uhr;

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93 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Alles Leier um den heissen Brei herum. Die Erstsozialisation zählt. Wenn die Erstsozialisation in einem Umfeld passiert, wo das Kind als einzige, oder wichtigste Problemlösungsstrategie Gewalt erlebt, wird es auch nicht anders können. Ist schon lange erwiesen. Hierzu gehören z.B. ein Vater der die Mutter schlägt, Kriegserlebnisse, ein Mobbing-Gang, Religion, usw. Nicht zu unterschätzen ist psychische Gewalt, welche die Seele quält. Ist genauso schmerzhaft und hinterlässt Spuren, wie Schläge.
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  • Kommentar von Bernhard Haeuser  (Bernie H)
    Also jetzt mal ehrlich, ich bin 52 Jahre alt und auf dem Land gross geworden. Damals haben wir uns nach gut christlichen Werten wie blöd gekloppt. Es hat halt niemand die Polizei geholt. Es kann also weder an Fernsehen, Filmen oder gottlosem Verhalten liegen. Vielleicht ist man heute halt einfach an ein Limit gestossen...
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  • Kommentar von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
    Dirk Baier geizt mit Fakten. Ich möchte wissen, ob es eine Rolle bei der Gewaltbereitschaft spielt, von wo z.B. Migrantenjugendlichen (oder die Eltern der Secondos) eingewandert sind. Spielt es eine Rolle, ob jemand aus dem Kosovo oder Deutschland stammt? Spielt die Religion eine Rolle? Mit Fakten könnte man unterscheiden, ob nur Vorurteile in breiten Kreisen der Gesellschaft vorherrschen oder ob die Wahrnehmung vieler Menschen vielleicht doch der Wirklichkeit entspricht.
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    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Natürlich spielt es eine Rolle, ob man (oder die Eltern) aus einem Kriegsgebiet in die Schweiz flüchtet oder aus dem sicheren Deutschland einwandert. Dass lässt aber keine direkten Schlüsse auf eine höhere Gewaltbereitschaft einer Religion oder Ethnie zu. Sie können doch den entscheidenden Faktor nicht einfach ausklammern, wenn Sie Fakten wollen!
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    2. Antwort von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
      Einverstanden Herr Kleffler. Alle Fakten müssen auf den Tisch und über die Interpretation kann man dann streiten. Und Kausalitäten sind nicht Korrelationen. Aber die Korrelationen sollen trotzdem transparent gemacht werden, sonst fehlen die Grundlagen einer zielführenden Diskussion und jeder versteift sich auf seine Ideologie.
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    3. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Nun, gewisse Interpretationen sind kaum von der Hand zu weisen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass extremistische Strömungen immer dann auf fruchtbaren Boden treffen, wenn die Menschen in irgendeiner Form leiden. Alle grossen Religionen enthalten Passagen, die dann instrumentalisiert werden können. Aber auch schreckliche Ideologien wie der Sozialdarwinismus können sich durchsetzen. Historisch gesehen war die islamische Welt zum
      Beispiel nicht radikaler als die christliche. Bis zur Kolonialzeit...
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