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Legende: Audio Eisenbahnbau Kenia - China dreht Geldhahn zu abspielen. Laufzeit 10:20 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 09.08.2019.
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Seidenstrasse in Ostafrika In Kenia fährt der Zug nach Nirgendwo

Niemand baut in Afrika mehr als die Chinesen. Für Kenia wird die chinesische Eisenbahn nun aber zur Schuldenfalle.

Rufus Nganga steht neben seinem Haus. Fünf junge Männer machen es mit Vorschlaghämmern dem Erdboden gleich. Hier, in Nairobis Vorort Ngong, wird bald die Eisenbahn durchfahren. Nganga freut sich: «Ich verstehe, was Infrastruktur der Wirtschaft unseres Landes bringt. Darum bin ich glücklich.»

Der 76-jährige ehemalige Staatsangestellte ist umgezogen. Doch noch immer wartet er auf Geld vom Staat. Ngaga: «Bisher wurde ich nicht entschädigt. Seit zwei Jahren warte ich darauf.» Ein Viertel aller Landbesitzer am Fusse der Ngong-Berge erhielt bisher keine Entschädigung. Dem Staat ist das Geld dafür ausgegangen.

Trotzdem wird die Eisenbahn weitergebaut. Quer durchs Land soll sie führen, bis nach Uganda und in weitere Länder, so der ursprüngliche Plan.

Effektiv gebaute und geplante Strecke der chinesischen Eisenbahn durch Ostafrika
Legende: Für die letzte Etappe bis zur Grenze von Uganda fehlt das Geld. Die Chinesen gewähren keinen Kredit mehr. SRF

Die Eisenbahn Kenias ist Teil von Chinas «Belt and Road Initiative». Rund zehn Milliarden Franken soll das fertige Projekt kosten. Doch unterdessen sind die Chinesen vorsichtig geworden, sie haben den Kredit für den letzten Abschnitt nach Uganda nicht mehr gesprochen. Niemand weiss genau, wann und wohin der Zug auf dieser Strecke fahren soll.

Besser als der Bus

Der moderne Hauptbahnhof Nairobis glänzt silbern in der Morgensonne. Seit zwei Jahren fährt die Eisenbahn von hier nach Mombasa an der Küste. Rund zehn Güterzüge und zwei Personenzüge verkehren täglich in beide Richtungen. Zugbegleiterinnen in schicken, roten Uniformen schliessen die Wagentüren. Auf die Minute genau rollt der Zug los.

Im Abteil sitzen die jungen Frauen Irene, Nancy und Njoki. Die Kenianerinnen trinken Schaumwein aus der Dose und freuen sich auf das Strandwochenende, das vor ihnen liegt. Den Zug finden sie etwas eng. «Doch er ist besser als der Bus. Warst du je in einem kenianischen Bus?», fragt Nancy.

Die klapprigen Busse haben einen schlechten Ruf, fast wöchentlich kommt es zu tödlichen Verkehrsunfällen. Die Eisenbahn ist günstiger und sicherer. Doch die Bahnhöfe von Mombasa und Nairobi liegen ausserhalb der Zentren, so dass viele Kenianer weiterhin den Bus benutzen.

Schuldenspirale dreht sich

Für die Passagiere ist die Eisenbahn günstig, für den Staat hingegen teuer. Der erste Abschnitt hat über drei Milliarden Franken gekostet. Kenia hat über 50 Milliarden Franken Schulden, zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts. Das Land nimmt ständig neue Kredite auf, um alte zurückzuzahlen. Ein Teufelskreis, warnen Ökonomen. Das Frauentrio im Zug gibt sich unbesorgt: «Wir waren immer verschuldet, und werden es auch bleiben. Irgendwie werden wir durchkommen.»

Elefanten auf der Zugfahrt von Mombasa nach Nairobi
Legende: Die Eisenbahnlinie durchquert den Tsavo-Nationalpark. SRF

Plötzlich taucht vor dem Zugfenster ein Elefant auf. Die Passagiere spähen begeistert nach draussen. Am Wasserloch steht eine ganze Herde von Elefanten. Dazu Giraffen, Zebras, Antilopen. Die Eisenbahn fährt mitten durch einen Nationalpark. Umweltaktivisten kritisieren die Linienwahl. Niemand baut günstiger als die Chinesen. Doch sie kümmern sich kaum um die Einhaltung von Umwelt- oder sozialen Standards.

Kein Kredit mehr von China

Die Stadt Mombasa liegt am indischen Ozean. Sie ist nicht nur Ausgangspunkt für Kenias Strandtourismus, hier liegt auch einer der wichtigsten Häfen Ostafrikas.

Riesige blaue Kräne hieven bunte Container von Schiffen. Die Waren dürfen in Zukunft nicht mehr auf der Strasse weitertransportiert werden, sondern müssen auf die Schiene. Das hat der Staat unlängst bekannt gegeben. Der Grund für den Zwang: Die Eisenbahnlinie rentiert nicht, sie soll besser ausgelastet werden.

Hafenkräne in Mombasa
Legende: Der Hafen von Mombasa ist konstant überlastet. Hier werden die Container vom Schiff auf die Bahn geladen. SRF

Vermutlich hat dies unterdessen auch China eingesehen. Im Frühling kam Kenias Staatsführer Uhuru Kenyatta mit leeren Händen vom «Belt and Road»-Gipfel aus Peking zurück.

Wir waren immer verschuldet, und werden es auch bleiben. Irgendwie werden wir durchkommen.
Autor: Irene, Nancy und NjokiZugpassagierinnen

Offiziell heisst es, Kenia habe gar nicht nach dem letzten Teil des Eisenbahnkredits gefragt. Doch China scheint nicht mehr ganz überzeugt vom Wert der eigenen Eisenbahn. Damit fehlen Kenia rund fünf Milliarden Franken. Auch in anderen afrikanischen Ländern ist China weniger freigiebig mit Krediten.

«Sie kommen im Namen des Geldes»

Neben der Altstadt von Mombasa, direkt am Meer, steht die Festung «Fort Jesus», erbaut vor 400 Jahren von den Portugiesen. Taxifahrer Kenneth Mugambi wartet auf Kundschaft. «Die Ausländer damals kamen im Namen Jesus’», erklärt Mugambi. Neben dem Handel ging es auch um die Verbreitung des Christentums.

Heute hingegen, so Mugambi, kämen die Chinesen im Namen des Geldes. «Sie machen ihre korrupten Deals und nehmen sich, was sie wollen.» Mombasa war schon immer ein attraktiver Handelsort, ein Knotenpunkt für den Handel zwischen Europa, Arabien und Asien. Auf die Portugiesen folgten die Araber, später die britischen Kolonialherren.

Chinesen dominieren Handel

Unterdessen dominieren die Chinesen. Das Reich der Mitte ist der grösste Handelspartner und der wichtigste bilaterale Geldgeber Kenias. Durch die Eisenbahn erhofft sich China, neue Absatzmärkte erschliessen zu können. Zudem werden chinesische Unternehmen im Ausland beschäftigt, nachdem der Infrastrukturboom in der Heimat abgeflaut ist. Alles kommt aus China, auch die Kredite.

Die Chinesen machen ihre korrupten Deals und nehmen sich, was sie wollen.
Autor: Kenneth MugambiTaxifahrer in Mombasa

Ob und wie Kenia die Schulden zurückzahlen können wird, ist unklar. Der Betrieb der Eisenbahn ist defizitär.

Arbeiter arbeiten an den Geleisen im Hafen von Mombasa
Legende: Die Chinesen bauen an einer Erweiterung der Geleise im Hafen von Mombasa. SRF

Kenianische Medien berichten, dass der Hafen von Mombasa in chinesische Hände fallen würde, sollten die Schulden nicht bedient werden. China und Kenia dementieren zwar, doch widerlegen können sie die Gerüchte nicht, denn der Vertrag zum Eisenbahnbau zwischen den beiden Ländern ist und bleibt geheim.

Schlechter Deal für Kenia?

Die Eisenbahn sei ein schlechter Deal für Kenia, findet Taxifahrer Mugambi. In der Verantwortung sieht er die Politiker. Afrikas korrupte Staatsführer würden ihre Länder verkaufen. «Sie bauen sich riesige Häuser. Doch können nicht erklären, woher sie das Geld haben.» Afrika brauche dringend eine neue Generation von Führern, die der Bevölkerung nicht alles stehle.

Strassenszene in Mombasa
Legende: Die Eisenbahn soll die Wirtschaft ankurbeln, doch die Kenianer spüren davon kaum etwas. SRF

Wird Kenias Eisenbahn nie fertiggebaut, dann hat das immerhin einen Vorteil: Die toxische Kombination aus chinesischer Freigiebigkeit und afrikanischer Korruption führt nicht zu noch mehr Schulden. Doch in Kenia steht nun ein halbfertiges Eisenbahnprojekt. Es fährt ein Zug nach nirgendwo.

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Ebinger  (ebi)
    Die Chinesen haben nur Interesse am Hafen von Mombasa.
    Dieser wird nach der Fertigstellung für die Kenianer nicht
    mer zugänglich sein und kann so gut als weiteren Stützpunkt
    verwendet werden.
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Und diese Aussage können Sie auf Grund welcher Quelle belegen?
      Wieso sollen Chinesen Milliarden in den Bau einer Eisenbahn investieren wenn sie mit weniger Geld, gleich einen Haben bauen können, der von Anfang an ihnen gehört?
      Hafen, Bahn und die Kenianische Wirtschaft gehören zusammen. Einzelteile machen weder wirtschaftlich noch strategisch einen Sinn.
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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    Westliche Industriestaaten könnten in Sachen Afrika-Entwicklungshilfe von CHN lernen, denn die lassen Gelder nicht einfach in korrupten Kanälen versickern. Ca 1Mio Chinesen begleiten Projekte vorab in Infrastruktur, fordern Gegenleistung wie Rohstoffe u.Anbauflächen. Von Herzen kommt das nicht, aber von berechnenden Köpfen! Übernutzung u.Schändung von Mensch u.Natur finden in Afrika so ihre Fortsetzung, derweil Religions- u.Stammesfehden, Korruption u.Reproduktion den Kontinent weiter schwächen.
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    1. Antwort von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
      Zum Einen können Sie nicht sagen es versickere nichts, Verträge mit Chinesen sind nicht transparent. Zum anderen investieren die Chinesen nicht in die anderen Länder und Völker sondern einzig in ihre eigene Wirtschaft und eigenen Interesse. Die Völker Afrikas werden auf der Strecke bleiben was nicht nur zu einer weiteren Schwächung sondern zu nehmend in eine Abhängigkeit und Unterdrückung führen wird.
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    2. Antwort von René Baron  (René Baron)
      China investiert in Absatzmärkte. Die afrikanische Bevölkerung ist dankbarer Empfänger der chinesischen Ueberproduktion und verhält sich - mit dem Nötigsten versorgt- auch weiterhin ruhig.
      Dass der Afrikaner dabei längerfristig auf der Strecke und vom chinesischen Goodwill abhängig bleibt, bringt denen die korrupte kenianische Regierung natürlich nicht bei, sondern lieber das veruntreute Förderungsgeld auf Schweizer Banken.
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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Die Bahnlinie von Mombasa nach Nairobi funktioniert (wird zum Glück auch von Chinesen betrieben) - so von wegen "Nirgendwo".
    Wer mal selber an einer Zugbaustellen war (übrigens bauen die Chinesen auch neue Strassen) sieht, dass praktische nur Einheimische bauen, und ab und an mal ein Chinese rumsteht, und "schaut". Die Bahn schafft somit Arbeitsplätze und Auskommen.
    Ausserdem bestimmen immer noch Kenianer über den Bau. China ist nur darum Prime- Investor weil sonst niemand investiert.
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    1. Antwort von Charles Grossrieder  (View)
      Danke Herr Baron für Ihre Klarstellung. Es wundert mich tatsächlich, wie dies westlichen Medien mit allen Mitteln versuchen die Chinesen negative ins Licht zu stellen. Es sind die lokalen Politiker , Clans und Diktatoren welche Afrika negative beeinflussen. Ohne China würden einige Länder schon auf Somalischen Standart abgesunken sein. Zimbabwe, Kongo, Cameroon als Beispiele genannt; und wer weiss wie lange Süd-Afrika noch blüht?
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    2. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Vielen herzlichen Dank für die Unterstützung Herr Grossrieder.
      Die Menschen meinen das nicht bös, und im Artikel steht - bis auf das flapsige "Nirgendwo" ja auch nichts Falsches.
      Entscheidend ist was ausgelassen wird, was leider bewirkt, dass Einiges im Text einen falschen Kontext erhält.
      Klar sind sich die Medien auch bewusst, was der Leser lesen will und was bei ihm gut ankommt.
      Deshalb bin ich auch ganz froh, dass nicht jeder nicht mainstreamkonforme Kommentar unterschlagen wird ;-)
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    3. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Buchtip: "The State of Africa" von Martin Meredith: Die Gründe warum Kenia so ist, wie Kenia ist, wurzeln tief, sehr tief.
      Der Westen trägt hier grosse Verantwortung, derer wir uns mit einem einfachen Fingerzeigen auf China - welches lediglich die Lücke füllt, welche Europa hinterlassen hat - nicht einfach so entledigen können. Die Vergangenheit meldet sich zurück - und die Zukunft steckt das Spielfeld ab.
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    4. Antwort von Peter Müller  (PeRoMu)
      @ R. Baron und Ch. Grossrieder: Als Vielleser könnte ich nie und nimmer sagen, die westlichen Medien würden systematisch versuchen, China in ein negatives Licht zu stellen. Im Gegenteil! China kommt in den Medien meines Erachtens zu gut weg, wenn ich mir anschaue, wo überall China weltweit in kolonialistischer Manier Bodenschätze, natürliche Ressourcen (Edelhölzer etc.) und Weltmeere (Haifischflossen etc.) plündert. Von der Aussenpolitik, den Menschenrechten in China etc. ganz zu schweigen.
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    5. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Peter Müller
      Wenn sie die chinesischen Förderanlagen mit dem kolonialistischen Raubbau vergleichen, sagt das wohl mehr über ihr mangelndes historisches und aktuelles globalwirtschaftliches Interesse aus, als über China welches qualitativ und quantitativ diesbezüglich auf Augenhöhe mit allen anderen Staaten operiert.
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