Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Proteste in Russland «Nie hätte ich gedacht, dass ich an einer Demo teilnehmen würde»

Chabarowsk ist eine Stadt in Aufruhr. Die Festnahme eines Gouverneurs treibt die Menschen auf die Strasse. Eine Spurensuche.

Wenn Jewgenja mit ihren beiden Freundinnen in der Flamenco-Tanzschule an der Choreographie ihres Protesttanzes feilt, bebt der Linoleum-Boden unter ihren Schuhen. «Ich habe mich nie für Politik interessiert. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich an einer Demonstration teilnehmen würde», erzählt sie kopfschüttelnd.

Video
Aus dem Archiv: Proteste in Chabarowsk
Aus Tagesschau vom 26.07.2020.
abspielen

Was sich seit Anfang Juli in Chabarowsk ereignet, hat nicht nur die Flamenco-Lehrerin politisiert. Seit Wochen ist die ganze Stadt in Aufruhr.

Drei Frauen tanzen Flamenco in Jeansjacken.
Legende: Jewgenja (Bildmitte) übt die Choreographie ihres Protest-Tanzes. SRF

Protest auf Rädern

Zu Beginn des Monats wurde der amtierende Gouverneur der Region Chabarowsk, Sergej Furgal, von vermummten Spezialeinheiten der russischen Untersuchungsbehörden festgenommen. Der 50-Jährige sitzt seither im berühmt-berüchtigten Untersuchungsgefängnis Lefortowo in Moskau. Offiziell wird er von den russischen Untersuchungsbehörden verdächtigt, vor 15 Jahren mehrere Morde in Auftrag gegeben zu haben.

Auf eine erste Schockstarre folgte eine nie zuvor dagewesene Protestwelle in der Stadt Chabarowsk und der gesamten umliegenden Region.

Zum Symbol des Protests wurde ein kleiner, bunt bemalter Imbisswagen, der von seinem Besitzer kurzerhand zum Protestwagen umfunktioniert wurde. Seit in Chabarowsk Tag für Tag demonstriert wird, fährt Rostislaw Burjaku mit Lautsprechern auf dem Dach und Porträtbildern des festgenommenen Gouverneurs durch die Strassen.

Drei Personen fotografieren sich vor einem blauem Kleinbus.
Legende: Rostislaw Burjaku wurde stadtbekannt mit seinem Protestwagen SRF

Kampf für die eigene Zukunft

Der Kleinunternehmer sieht im Protest die einzig verbliebene Möglichkeit, um für eine bessere Zukunft seiner Familie zu kämpfen: «Ich möchte, dass meine Kinder ein besseres Leben haben als ich. Ein Leben in einem demokratischen Land, in welchem das Gesetz über allem steht. Und für alle die Gesetze gelten.» Das Gefühl der Ohnmacht, den Polizei- und Justizbehörden hilflos ausgeliefert zu sein, wie es Rostislaw beschreibt, kennen viele Menschen nur zu gut in Russland.

Mann in Streifenhemd am Steuer von Kleinbus.
Legende: Rostislaw sagt über seinen Imbisswagen: «Er ist meine Seele.» SRF

In Sergej Furgal sah Rostislaw jemanden, der sich für Kleinunternehmer wie ihn einsetzte. Das Vorgehen der Behörden bei seiner Festnahme und die Art und Weise, wie die Untersuchung bisher ihren Lauf nahm, bestärkt die Menschen in ihrer Solidarität mit dem festgenommenen Gouverneur. Und so, wie sich die Demonstranten mit Rostislaw identifizieren, scheint ihnen auch das Schicksal des kämpfenden Kleinunternehmers sehr vertraut zu sein.

Die Menschen haben meinen Wagen auch umbenannt in Furgal-Mobil. Der Wagen wurde zur ihrer Stimme!
Autor: Rostislaw BurjakuBesitzer Imbisswagen

Auf Distanz zu Moskau

Aus den Lautsprechern auf dem Wagendach schallt eine tiefe Männerstimme: «Hier spricht Chabarowsk! Die Wahl der Menschen gehört respektiert!» Rostislaw hat die Protest-Slogans selbst zu Hause am Computer zusammengeschnitten. Die zwei Sätze bringen auf den Punkt, weshalb die Absetzung des Gouverneurs durch Moskau die Menschen vor Ort so schmerzlich trifft.

Aus dem Zentrum gibt man den Menschen zu verstehen, dass ihre Wahl nicht entscheidet, ob jemand im Amt bleibt oder nicht. Die Machtzentrale scheint den Menschen in Chabarowsk bisher nicht einmal den Anschein vermitteln zu wollen, dass sie ihnen zuhört. So entsteht auch bei Rostislaw der Eindruck, dass es bei der Festnahme Furgals um politische Machtkämpfe geht.

Sergej Furgal wurde als Kandidat der nationalistischen Partei «LDPR» vor zwei Jahren aus Protest gegen die Partei «Einiges Russland» von Wladimir Putin gewählt. Auf Furgal folgte eine ganze Reihe von «LDPR»-Gouverneuren, die sich in den Regionen gegen Kandidaten von Putins Partei durchsetzen konnte. In den weniger als zwei Jahren seiner Amtszeit erreichte Sergej Furgal eine ungewöhnlich grosse Popularität. Beliebt machten ihn insbesondere seine Besuche in den entlegensten Gebieten der Region.

Ein Gouverneur wie kein Zweiter

Aus Schweizer Sicht nur schwer nachvollziehbar, leben Politiker in Russland in einer Parallelwelt zur Durchschnittsbevölkerung. Ernsthaftes Interesse an den Problemen, wie es Sergej Furgal den Menschen vermittelte, sind eine Rarität.

Der von Wladimir Putin vergangene Woche eingesetzte Gouverneur entspricht dem Klischee eines russischen Marionettenpolitikers wie aus dem Bilderbuch. Michail Degtjarjow hat keinen Bezug zur Region und seine provokanten Äusserungen befeuern die Ablehnung, die ihm entgegenschlägt, nur noch zusätzlich.

Mann mit Gesichtsmaske und einem blaumen Sweater über die Schultern gelegt.
Legende: Degtjarjow wurde von Putin vorübergehend zum Gouverneur ernannt SRF

Für die Flamenco-Lehrerin Jewgenja steht ausser Frage, dass sie weiter für Furgal kämpfen will. Auch wenn der Protest stark an ihren Kräften zehrt: «Unserer Mentalität im Fernen Osten Russlands ist davon geprägt, dass wir unter schwierigsten Bedingungen überleben mussten. Wir sind uns einen täglichen Kampf also gewohnt.»

Rostislaw führt seinen Protest in der Zwischenzeit im Untersuchunggefängnis mit Hungerstreik weiter.

Tagesschau, 26.07.2020

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Buendner helfen Buendner
    Bewahrheitet sich auch hier, Heimatgefühle
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    Grüezi SRF Korresp. Luzia Tschirky, danke für Ihren sehr gut geschriebenen Bericht. Es tut weh, was man so hört im grössten Land der Welt. Seien Sie vorsichtig und ich wünsche Ihnen eine sehr gute Zeit in Russland. Wohne in Jenins und bin seit 1974 im Rheintal wie Sie lebend nur 2 Mal so alt. Spassiba bolschoi nach Moskau wo ich 1977 das Erste Mal war. Gum ist unvergesslich. 2 Paar Mäntel grau und schwarz, fertig.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Das Gefühl der Ohnmacht, den Polizei- und Justizbehörden hilflos ausgeliefert zu sein, wie es Rostislaw beschreibt, kennen viele Menschen nur zu gut in Russland." - Für Russland kommt diese Erkenntnis zu spät. Putin wird nochmals 16 Jahre an der Macht bleiben. Damit gibt es nur EINE Devise im Zarenstaat: "Vogel friss oder stirb".
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
      Verglichen mit dem was die Menschen dort vor Putin hatten geht es den Menschen dort sehr gut. Sagen mir Russen und Russinen mit denen ich Kontakt habe. Ich hoffe im Eigeninteresse das ich mich täusche, aber ich befürchte das es denn Menschen dort bald einmal besser gehen könnte als uns im Westen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen