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Sebastian Ramspeck: «Atomwaffen sind heute eine Art Lebensversicherung»
Aus Tagesschau vom 06.08.2020.
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75 Jahre nach Hiroshima Atomwaffen als Lebensversicherung in einer Welt voller Misstrauen

75 Jahre nach den ersten beiden Atombomben-Angriffen der Geschichte – jenen der USA gegen Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs – erscheint die Hoffnung auf eine atomwaffenfreie Welt so realitätsfern wie selten zuvor.

Zwar gibt es heute viel weniger atomare Sprengköpfe als noch Mitte der 1980er-Jahre auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion. Damals wurde die Zahl der Atomsprengköpfe auf 70’000 geschätzt, heute dürften es nur noch knapp 14'000 sein.

Doch die Verbreitung von Atomwaffen hat zugenommen. Neben den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs – USA, Russland, Frankreich, Grossbritannien und China – sind im Laufe der Jahrzehnte vier weitere Staaten dazugekommen: Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Auch dem Iran und Saudi-Arabien werden atomare Ambitionen nachgesagt.

Wachsendes Misstrauen

Vor allem aber werden die Atomwaffenarsenale moderner: Treffsichere, rasch einsetzbare Waffensysteme mit einer geografisch begrenzten Wirkung sollen die unpräzisen Monsterwaffen aus der Zeit des Kalten Krieges ablösen. Doch damit droht auch die Hemmschwelle für einen Ersteinsatz zu sinken – das Schreckensszenario einer atomaren Eskalation wird wieder wahrscheinlicher.

Das liegt zum einen an den zunehmenden Spannungen und dem wachsenden Misstrauen zwischen den grossen militärischen Machtblöcken China, Russland und den USA. China verfügt zwar derzeit noch über ein vergleichsweise kleines Atomwaffenarsenal, rüstet aber auf.

Zum anderen sind Atomwaffen mehr denn je eine «Lebensversicherung» für kleinere Militärmächte und für Diktatoren. Kein Wunder: Der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi hatte sein Atomwaffenprogramm aufgegeben – und wurde später gestürzt, auch mithilfe der USA und anderer westlicher Staaten.

Daraus haben andere Diktatoren ihre Lehren gezogen, etwa der «Oberste Führer» Nordkoreas, Kim Jong-un. Das nordkoreanische Atomwaffenarsenal sichert Kims Macht im Innern und schreckt potenzielle Angreifer ab.

Zahnlose internationale Verträge

Zwar verpflichtet der Atomwaffen-Sperrvertrag von 1968 die Unterzeichnerstaaten zur «vollständigen Abrüstung» – denn mit Atomwaffen kann ein Grundprinzip des humanitären Völkerrechts kaum eingehalten werden: die Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und Zivilisten.

Doch weder die USA, Russland noch China haben sich jemals ernsthaft bemüht, den Vertragstext umzusetzen. Indien, Pakistan und Israel sind dem Sperrvertrag gar nicht erst beigetreten und Nordkorea ist 2003 wieder ausgetreten.

Ein weiter gehender Vertrag – der sogenannte Atomwaffen-Verbotsvertrag von 2017 – ist mangels interessierter Staaten noch immer nicht in Kraft getreten. Kontroll- und Beschränkung-Abkommen, namentlich zwischen den USA und Russland, werden gekündigt oder infrage gestellt.

Denn solange auch bloss ein einziger Staat einen einzigen Atomsprengkopf besitzt, werden andere Staaten ebenfalls Atomwaffen besitzen wollen – als tödliche Lebensversicherung in einer Welt voller Misstrauen.

Sebastian Ramspeck

Sebastian Ramspeck

Internationaler Korrespondent, SRF

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Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete er als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.

Tagesschau, 06.08.2020, 19:30 Uhr

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50 Kommentare

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  • Kommentar von Richard Limahcer  (Limi)
    Anstatt um die Resourcen zu wetteifern, streiten und bekriegen sollten wir diese gerecht verteilen. Das würde viel Elend auf der Erde beseitigen und den Frieden fördern.
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    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Wir? Sie und ich? Der Bundesrat, das schweizerische Parlament? Die UNO? Wer entscheidet wie genau was gerecht ist?
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    2. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Herr Lang: Die Menschen resp. die von ihnen gewählten Vertreter entscheiden demokratisch, was gerecht ist. Wobei in den wichtigsten Fällen ja eigentlich glasklar ist, was gerecht ist, da geht es bloss noch um die konkrete Ausgestaltung.
      Ungerecht ist u.a., dass die 26 reichsten Menschen gleich viel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Oder dass immer noch Abermillionen an Menschen wegen Unterernährung oder heilbarer Krankheiten sterben. Die Liste ist leider lang.
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    3. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      @V. Haller
      Wir wären wieder bei den Visionen … und Helmut Schmidt!
      Tatsache ist, dass die 26 reichsten Menschen keinen Schweizer Pass haben und damit für einen schweizerischen Wähler bezüglich dieses Personenkreises nahezu Einflussmöglichkeiten gibt! Der grösste Teil der Uno Mitgliedsstaaten sind bezüglich Demokratie eher defizitär oder um es anders zu sagen, haben mit Demokratie nichts zu tun!
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    4. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Ich gebe nicht klein bei, Herr Lang ;-)

      Richtig ist sicher, dass wir als kleine Schweizer Direktdemokraten nur einen verschwindend geringen Einfluss auf diese Probleme und ihre Lösungen haben. Aber wenn man einen Berg abtragen will, muss man halt irgendwann mal Pickel und Schaufel nehmen und anfangen. Womöglich gereicht das dann anderen zum Vorbild. Ich für meinen Teil bin jedenfalls nicht bereit, vor dem Berg zu resignieren.
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    5. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Das tragische aber doch ist, dass wir "hoch entwickelten" Menschen es nicht fertig bringen in Friede mit einander zu leben.
      Atomwaffen war in der Zeit des Kalten Krieg das Gespenst der Angst vor einem Atomkrieg. Und jetzt im 21. Jahrhundert sind wir keinen Schritt weiter. Und bei Demos werfen sie Steine.
      So wie es ausschaut, entwickelt sich diese Spezies Mensch zurück.
      Da nützen dann auch sämtliche neuen Technologien des 21. Jahrhundert nichts.
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    In einer Welt voller Misstrauen! Stimmt, auch hier gibt es genügend, die anderen zuerst böse Absichten unterstellen und die nicht in der Lage sind, einen ersten Schritt für den Frieden zu tun, vor lauter Angst sie würden überrumpelt.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Hiroshima und die Menschheit hat nichts daraus gelernt, oder verändert/verbessert! !
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