Zum Inhalt springen

Header

Audio
Mauerfall: «Krönchen richten und weiter»
Aus Rendez-vous vom 06.11.2019.
abspielen. Laufzeit 08:39 Minuten.
Inhalt

30 Jahre Mauerfall – und dann? Auf leisen Sohlen durch die Geschichte

Der Mauerfall aus der Perspektive eines Pantoffelmachers. Oder: Die Geschichte eines legendären Fotos. Oder beides in einem: Die Familie Jünemann und der Fall der Mauer.

Drehen wir doch mal am Schwungrad der Geschichte. Gerade jetzt, unmittelbar vor dem 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls tauchen diese Wortfetzen auf: «Das tritt nach meiner Kenntnis, ist das sofort …. Wahnsinn … die Tore in der Mauer stehen weit offen».

Unser Schwungrad der Geschichte aber hat mehr Energie - es geht ja nicht nur um diese eine Nacht des Mauerfalls, sondern um die letzten 30 Jahre seither. Das Rad dreht weiter zu Helmut Kohls Versprechen von «blühenden Landschaften» und bleibt am 1. Juli 1990 um Mitternacht stehen: Währungsunion. Die Mark kommt in den Osten. Jubel. Und danach Katzenjammer, denn die ostdeutsche Wirtschaft war in Osteuropa wegen der neuen starken Währung nicht mehr konkurrenzfähig.

Ilona Jünemann mit dem Bild der schwedischen Fotografin Ann-Christine Jansson.
Legende: Seit Menschen im Internet kaufen, konnte Ilona Jünemann das wieder besser laufende Pantoffelgeschäft dem Sohn übergeben. SRF / Peter Voegli

Ilona Jünemann war damals 40 Jahre jung; sie feiert an diesem Abend mit einem ihrer Söhne den Abschluss seiner Sportschule und die Gruppe schlendert zum Alexanderplatz, zur Filiale der Deutschen Bank. Die Menschen warten auf die Mark, sie singt einen DDR-Schlager «Wo ist das Geld nur geblieben…da, da, da» und zeigt auf die Bank. Plötzlich klebt ein Hundert-Mark-Schein auf ihrer Stirn.

Ilona Jünemann feiert am 1. Juli 1990  auf dem Alexanderplatz die Währungsunion.
Legende: Ann-Christine Jansson

In diesem Moment drückt die schwedische Fotografin Ann-Christine Jansson auf den Auslöser ihrer Kamera bannt den Moment auf Zelluloid. Das Bild ist eine fotografische Ikone.

«Geiz ist geil»

Katzenjammer verspürt Ilona Jünemann auch 30 Jahre später nicht. Die Wende war gut. Und wo sie nicht gut war, machte sie es für sich gut: «Wenn man Tiefpunkte hat, immer wieder aufstehen, Krönchen richten und weiter», sagt sie mit Berliner Charme. Auch ihr Sohn Reno Jünemann ist zufrieden. Obwohl, einfach war es nicht.

Reno Jünemann, Sohn von Ilona zeigt das zur Ikone gewordene Bild.
Legende: Die Fotografie von Ann-Christine Jansson wurde zur Ikone. Sohn Reno Jünemann war damals 18 Jahre alt. SRF / Peter Voegeli

Die Familie führt seit 1908 ein Pantoffelgeschäft, ihr Sohn Reno Jünemann mittlerweile in der vierten Generation. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Berlin 70 Pantoffelhersteller, 1989 waren noch sieben und zwei Jahre später noch einer. «Die 1990er Jahren waren schrecklich», erinnert sich Reno Jünemann. «Geiz ist geil» war nicht nur eine Werbekampagne von «Saturn», sondern Slogan einer ganzen Zeit.

Den Kaiser, Hitler und Honecker überlebt

Die handgemachten Pantoffeln der Jünemanns waren zu teuer. Geholfen hat das Internet: jedes dritte Pantoffelpaar wird inzwischen Online verkauft. Und nach der «Geiz-ist-Geil»-Phase erkannten die Kunden, dass die Hausschuhe aus dem Pantoffeleck zwar teurer, aber qualitativ besser sind und länger halten als die Billigkonkurrenz. Das «Pantoffeleck» hinter der Volksbühne ist Kult, und Reno Jünemann macht auch mal Führungen durch die Werkstatt, die so viel Wärme ausstrahlt, wie die Regale vor Pantoffeln abgeben.

«Jünemanns Pantoffeleck» hat sie alle überlebt: Den Kaiser, die Weimarer Republik, Hitler und die DDR. Und Reno Jünemann wusste schon seit er sechs Jahre jung war, dass er Pantoffelmacher werden wollte. «Auf leisen Sohlen kommt man durch die Geschichte», lacht der 48jährige Jünemann, und wünscht sich auch heute etwas mehr Gelassenheit.

Die Dinge ändern sich – auch die von heute

Seine Töchter können sich die Mauer gar nicht mehr vorstellen und schauen ihren Vater nur ungläubig an, wenn er ihnen davon erzählt. Dass es verboten war, in den anderen Teil der Stadt zu gehen und die Menschen das auch akzeptierten, ist für sie unverständlich. «Naja, als ich zur Welt kam, war das so», versucht sich Reno Jünemann dann jeweils herauszureden, «und so war das halt».

Der Fall der Mauer aber hat ihn gelehrt: «Ich versuche meinen Töchtern zu erklären, dass Dinge, die heute ganz «normal» sind in zwanzig oder dreissig Jahren vielleicht ganz anders betrachtet werden.»

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Harald Francke  (Harry&Dobby)
    Das kann ich nicht toppen.Ich erinnere mich gerne an die gemeisame Zeit mit Jugendlichen aus Bitterfeld in meinem Alter, als wir von der Gewerkschaftsjugend aus zum shoppen waren.Dann feierten wir Karneval in Düsseldorf u. Köln.Das war eine Menge Spass.Allerdings kam mir schon damals bis heute für mich die Wiedervereinig politisch u. insbesondere wirtschaftlich einer Annektion gleich.Ein Black Friday der Superlative, SaisonSchlussverkauf in "Dunkeldeutschland".Trotzdem wird doch noch alles gut.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Fritz Rueegsegger  (Matterhorn+234)
    Meine Erinnerungen an die innerdeutsche Mauer gehen weiter zurück. 1972 hatte ich an den olympischen Spielen in München die Gelegenheit, mit dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt zu essen. Wir unterhielten uns über die Mauer und was jeder dazu beitragen kann, dass diese eines Tages verschwindet. In dem Zusammenhang sah er auch die Kontakte im Sport als wertvoll an. Er sagt damals zu mir, dass sein grösster Wunsch ist, er hat es noch erlebt. Sein Kniefall in Warschau war ein Schritt dazu,
    Ablehnen den Kommentar ablehnen