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Ferrante-Bestseller «Ich übersetze Wirkungen, nicht einzelne Worte»

Karin Krieger trägt einen roten Schal und lächelt in die Kamera.
Legende: «Ich musste beherrscht und diszipliniert bleiben», sagt Übersetzerin Karin Krieger. Privat

Für die Fans hat das Warten ein Ende: Seit Anfang Februar können sie sich über Elena Ferrantes vierten Band ihrer Neapel-Saga freuen: «Die Geschichte des verlorenen Kindes». Übersetzerin Karin Krieger hat die Romanreihe ins Deutsche übertragen – ganze 2200 Seiten.

SRF: Sind Sie froh, dass die Übersetzung nun abgeschlossen ist?

Karin Krieger: Ja, unbedingt. Ich hab’s zwar noch nicht ganz begriffen, dass es jetzt vorbei ist. Es war eine sehr intensive Beschäftigung – da werden Entzugserscheinungen kommen: Ich werde wohl erst einmal in ein kleines schwarzes Loch fallen.

Ferrante erzählt bewegende, auch schmerzhafte Geschichten in einer ganz sparsamen Sprache.

Was war die grösste Herausforderung bei der Übersetzung dieser Romanserie?

Einerseits die Quantität. Dass ich alle vier Bände im Auge behalten musste, weil bestimmte Entscheidungen, die man im ersten Band trifft, wieder wichtig werden können in den folgenden Bänden – etwa, wenn Leitmotive wiederaufgenommen werden.

Ausserdem erzählt Ferrante unglaublich bewegende, auch schmerzhafte Geschichten in einer ganz sparsamen Sprache. Ich musste beherrscht und diszipliniert bleiben, weil die Autorin den Ton ganz bewusst so angelegt hat.

Italienisch klingt sehr melodiös und weich mit den vielen Vokalen, auch die Sprachmelodie ist anders. Wie überträgt man das ins Deutsche?

Natürlich habe ich jetzt einen deutschen Text und keinen Italienischen mehr. Es wäre Unfug, möglichst viele italienische Wörter zu verwenden, nur damit ich die Vokale erhalte. Das ist nicht Sinn der Sache.

Es ist wichtig, dass ich nicht Einzelwörter übersetze und aneinanderreihe – sondern Wirkungen.

Mein Ziel ist es, einen gut klingenden deutschen Text zu schaffen. Dafür muss ich erst den Text ins Deutsche holen. Dann setze ich mich hin und lese mir den Text laut vor – ganz ähnlich wie dies Schauspielerin Eva Mattes tut (sie hat die Hörbücher eingelesen, Anm. d. Red.). So bekomme ich die Satzmelodie, damit es eben so schön fliesst.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo dies besonders schwierig war?

Ein Satz, der mir einfällt: Dormì profondamente. Das klingt wunderbar. Auf Deutsch heisst das einfach: Ich schlief tief. Aber das klingt überhaupt nicht. Man muss also prüfen, ob man ein Wort dazufügt – oder ob man sagt: Ich fiel in einen tiefen Schlaf. Das kommt natürlich auf die Szene an.

Übersetzen ist ein Beruf, den man lernen muss – es ist nicht damit getan, dass man zwei Sprachen kann.

Wichtig ist, dass ich nicht Einzelwörter übersetze und aneinanderreihe, sondern Wirkungen übersetze. Dass ich schaue, wie sich die Wörter innerhalb des Satzes zueinander verhalten. Und wie von Satz zu Satz. Das muss man von Fall zu Fall abwägen. Übersetzen ist ein Beruf, den man lernen muss – es ist nicht damit getan, dass man zwei Sprachen kann.

Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Die Autorin zeigt sich nicht in der Öffentlichkeit und hat die Enttarnung eines italienischen Journalisten im letzten Jahr nie kommentiert. Hatten Sie Kontakt zu ihr?

Ja, schriftlich. Wir haben uns bei jedem Band etwa ein- oder zweimal geschrieben: Ich habe dafür meine Fragen gesammelt – spezielle Fragen, die nur die Autorin beantworten kann. Zum Beispiel, ob etwas ein Zitat ist, was wörtlich wiedergegeben werden muss und solche Sachen. Sie hat jedes Mal sehr schnell und sehr kompetent geantwortet. Das hat mir sehr geholfen.

Das Gespräch führte Susanne Sturzenegger.

Ferrantes 4-teilige Saga

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer italienischen Bestseller-Autorin. In ihrer «Neapolitanischen Saga» zeichnet sie das Leben zweier Frauen mit all ihren Emotionen und schmerzhaften Erfahrungen: So eindringlich, dass sich diese Tetralogie wie eine Autobiografie liest.

Rezensionen zu den einzelnen Bänden finden Sie hier:

Erschienen sind die vier Bände im Suhrkamp Verlag, Link öffnet in einem neuen Fenster.

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