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Der «Alpentainer» über das Landleben
Aus Kultur Webvideos vom 19.06.2020.
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Hallo heile Welt! Trauffer und die Liebe zum Land

Musiker Trauffer liebt und besingt das Landleben. Damit bedient er eine Sehnsucht – auch wenn das nicht allen gefällt.

«S'git ke Ort uf der Wält, woni lieber möcht si, hie bini gebore, und da ghöri hi.» Der Ort heisst Hofstetten. Das Herz, das voller Inbrunst für die 500-Seelen-Gemeinde am Fusse des Brienzer Rothorns schlägt, gehört dem Mundartsänger Marc Trauffer. Hier lebt und arbeitet der Musiker, Unterhalter, Unternehmer und Marketingstratege.

Wir reisen ins Berner Oberland, um ihn kennenzulernen. Aus dem Unterland im beschaulichen Dorf angekommen, haben auch wir das Gefühl, tief durchzuatmen und den durchgetakteten Alltag ein Stück weit hinter uns lassen zu können.

Marc Trauffer: Kühe und Konzerte

Marc Trauffer: Kühe und Konzerte
Legende:SRF / Danielle Liniger

Marc Trauffer, geboren 1979, ist Musiker und Inhaber des Familienunternehmens Trauffer Holzspielwaren in Hofstetten bei Brienz, das er in dritter Generation leitet.

Der gelernte Maurer war von 1997 bis 2005 Frontman der Band Airbäg. 2008 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum «Pallanza». Mit seiner Band füllt er mittlerweile das Hallenstadion Zürich, seine Alben machen Gold, Doppel- und Dreifach-Platin. «Heiterefahne» ist in der ewigen Bestenliste der Schweizer Hitparade gleich hinter den Alben von Abba, Adele, Ed Sheeran und Helene Fischer platziert.

Zusammen mit Gölä gründete er 2019 die Büetzer-Buebe. Ihr Ziel: ein Konzert im ausverkauften Letzigrund. 2021 sind nun, wegen grosser Nachfrage, gleich zwei Konzerte geplant.

Trauffer, «dä mit de Chüeh», beschäftigt in seiner Spielzeugfirma über 70 Angestellte. Er lebt in Hofstetten, ist geschieden und zweifacher Vater.

In dieser beschaulichen Gegend stellt sich tatsächlich das Gefühl ein, die Magerwiesen seien saftiger, der See klarer. Kurz: Die Sehnsucht Land macht sich breit.

Trauffer empfängt uns hellwach und gut gelaunt, entspannt, wie es scheint. Und er hat Verstärkung mitgebracht: Hündin June und Projektmanager T.J. Gyger.

«Ich habe hier einfach mehr Freiheiten»

Marc Trauffer, der in jüngeren Jahren auch in Bern und Basel lebte, hat sich bewusst für die Rückkehr zu seinen Wurzeln entschieden: «Wenn man zurückkommt, sieht man, wie schön es ist.» Das sei das Gute am Weggehen.

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Marc Trauffers «Alpentainment»
Aus Kulturplatz vom 24.06.2020.
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«Hier kann ich den Hund frei rennen lassen, irgendwo ein Feuer machen, was an einer Tramhaltestelle in der pulsierenden Stadt nicht gut ankäme. Ich habe hier einfach mehr Freiheiten», erläutert der 41-Jährige.

Trauffer nimmt sich auch bei seiner Musik Freiheiten heraus, zelebriert mit seinen Mundartsongs die Liebe zum Vaterland. Diese Volkstümlichkeit sei nichts anderes als ein Pop-Image, wird Trauffer aber auch vorgeworfen: «Seine Musik widerspiegelt eine diffuse Sehnsucht nach einem heimatlichen Landleben und einer mythischen Vorzeit, in der alles gut, nein: besser war», schrieb Markus Ganz 2018 in der NZZ, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Trauffers Hobby hat einen Projektmanager. Ungewöhnlich. Die bodenständige Art kennt man von Acts wie Gölä, Oeschs die Dritten und DJ BoBo: allesamt Projekte des Thuner Produzenten T.J. Gyger.

Marc Trauffer vor See- und Berglandschaft.
Legende: Hat gut lachen: Mit seinen Songs verdient Trauffer Millionen. SRF / Danielle Liniger

«Null künstlerischer Anspruch»

Mit seinem Zeitvertrieb verdient Trauffer Millionen – und überschreitet für manche auch die Grenzen des guten Geschmacks. Marina Bolzli von der Berner Zeitung, Link öffnet in einem neuen Fenster etwa liess er 2017 «die Haare zu Berge stehen».

Im vergoldeten Hit «Geissepeter» will ihn ein tätowiertes Heidi ins Heu bekommen. Dort heisst es: «Sie schwänzled um mi ume und macht mer schöni Ouge, schüttled ihri Zöpfli und lüpft ihres Röckli, si tänzled mir adrett entgäge und i weiss nid was i ihre sell säge, si machts Chnöpfli vo dr Bluse uuf, Heidi chume nümme druus!»

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Trauffer & Band mit «Geissepeter»
Aus SRF bi de Lüt – Live vom 25.11.2017.
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Trauffer sagt über seine Musik: «Ich habe null künstlerischen Anspruch, mache keine lyrischen Texte, ich will einfach Leute unterhalten und glücklich machen. Doch Unterhaltung ist, gerade in der Kulturszene, nicht gerne gesehen.»

154 Wochen in der Hitparade

Trauffer betont, er wolle nicht provozieren. Nichtsdestotrotz polarisiert er. Seine Kritiker seien Neider und Journalisten aus der Stadt, gegen die er gerne wettert, so auch heute: «Viele sagen, der tut nur so als ob.»

Er gaukle den Leuten aber nichts vor: «Ich bin wie ich bin. Logisch wird mir das von einem Journalisten im Kreis 4, der täglich mit dem Tram zur Arbeit fährt, als Heimatdünkelei ausgelegt. Für den ist das nicht nachvollziehbar. Wenn ich hier geradeaus schaue, schaue ich an einen wunderschönen Wasserfall. Wir haben Kühe und Berge rund ums Haus.»

Tatsächlich bringt der Pöstler, den man in seinem Video «Heiterefahne» sieht, auch an diesem Tag Trauffer die Post. Zwar nicht mit historischer PTT-Uniform und Flachmann wie im Clip, aber immerhin steht er real vor uns. «Heiterefahne» machte dreifach Platin und war 154 Wochen in der Schweizer Hitparade.

Das Gondeli-Tatoo auf dem Arm

Mit seinem Patriotismus werde er politisch oft rechts aussen verortet, sagt Trauffer. Bei diesem Thema steigt sein Puls: «Es gibt so viele Leute aus der Stadt, die am Wochenende aufs Land wandern kommen. In diesen Momenten ist es endlos geil, auf einer Terrasse Fondue zu essen. Sie sagen: ‹Schau dir an, wie schön das ist.›»

Wenn er das aber in einem Videoclip mache oder ein Gondeli auf seinem Arm tätowiert habe und singe: Hier bin ich daheim, hier gefällt es mir, «dann wird es ganz schwierig!».

«Landliebe»: Stricken und Gärtnern

Szenenwechsel. Wir treffen André Frensch, Chefredaktor der «Landliebe». Mit rund 669'000 Leserinnen und Leser ist «Landliebe» das erfolgreichste Bezahlmagazin der Schweiz nach dem «Beobachter».

André Frensch
Legende: André Frensch ist Chefredaktor der Zeitschrift «Landliebe», die viele Schweizerinnen und Schweizer gerne lesen. Sabine Wunderlin

Im zehnten Jahr des Magazins sei die «Landliebe» wegen der Corona-Pandemie noch populärer geworden, berichtet Frensch, während er uns durch den Garten des «Landliebe»-Hauses führt.

Die Macherinnen und Macher der Zeitschrift schreiben nicht etwa im Bürogebäude des Ringier-Verlags in Zürich, sondern auf der Forch, gut 20 Minuten von der City entfernt, in einem umgebauten Bauernhaus. In diesem «Labor» werden Artikel übers Stricken und Tipps über erfolgreiche Gartengestaltung kreiert.

«Der Service-Teil ist ein wichtiger Aspekt unseres Hefts. Wir zeigen zum Beispiel, wie man selbst ein Vogelhäuschen für den Winter macht. Das Häuschen ist von der Vogelwarte Sempach abgenommen worden. Alles muss fundiert sein, das sind wir unseren Leserinnen und Lesern schuldig», so André Frensch, der sich als eine Art Sprachrohr der Landbevölkerung versteht.

Vor Ort werden zahlreiche Kurse angeboten, vom richtigen Kompostieren bis hin zum Konfitüre Kreieren. Hinzu kommt «Landliebe»-TV und der eigene «Landliebe»-Verlag.

Das Geschäft mit der Sehnsucht blüht prächtig. Auch auf dem Land habe die Marke viele treue Fans. «Der grösste Anteil der meist weiblichen Leserschaft wohnt aber in der Agglomeration», ergänzt Frensch.

Sehnsucht nach dem Land in der Agglo

Laut Bundesamt für Statistik, Link öffnet in einem neuen Fenster leben 73 Prozent der Bevölkerung hierzulande in der Agglomeration. Offensichtlich ein perfekt-schweizerischer Kompromiss zwischen Stadt und Land. In diesen Grenzgebieten, wo Land-Feeling aufkommt, ohne lange Wege in Kauf nehmen zu müssen, scheint die Sehnsucht nach «echtem» Land am grössten zu sein.

Die Liebe zum Land wurde aber nicht von Hochglanzmagazinen oder Mundartmusikern erfunden. Sie lässt sich kulturhistorisch herleiten.

Landleben aus kulturhistorischer Perspektive

Boris Previšić, Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Universität Luzern, findet bereits in der Antike erste Formen der Idealisierung des Landlebens. Seit Februar ist Previšić auch Direktor des neu gegründeten Instituts für Kulturen der Alpen, Link öffnet in einem neuen Fenster in Altdorf.

In der Aufklärung und Romantik waren Darstellungen und Schilderungen des Landlebens äusserst populär: Die Natur als Sehnsuchtsort. Als um 1900 die Engländer als Touristen die Schweiz entdeckten, wurde der Grundstein für eine Entwicklung gelegt, die bis heute anhält: der Alpenraum als idealisierter Rückzugsort.

Obwohl den meisten klar sein dürfte: Wer die «Landliebe» kauft, entscheidet sich für die perfekte Inszenierung eines idyllischen Landlebens, wovon auch die Hochglanz-Fotografien zeugen.

Chefredaktor Frensch sagt: «Wer die ‹Landliebe› kauft, will träumen und schwelgen und sich nicht mit der Zersiedlungs-Problematik oder den finanziellen Schwierigkeiten der Randregionen befassen. Die ‹Landliebe› funktioniert darum so gut, weil es stets Geschichten des Gelingens sind, die erzählt werden.»

Dass der reale Alltag auf dem Land kein Spaziergang ist, davon zeugen auch folgende Zahlen: Gerade einmal 16 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leben wirklich auf dem Land.

Joëlle Zimmerli beschäftigt sich mit den Gründen, warum das Leben auf dem Land nicht beliebter ist. Die Soziologin berät ländliche Gemeinden und Regionen, wie diese als Arbeits- und Lebensorte attraktiver werden können.

Zimmerli erklärt: «Die Leute, die auf dem Land ihren Alltag bestreiten, müssen mit dem leben, was sie haben. Das ergibt natürlich ein ganz anderes Bild, als das, welches die Städter projizieren, wenn sie sich nach Erholung sehnen. Auf dem Land stinkt es nach Gülle und die Maschinen sind laut.»

Städter wollen nicht aufs Land ziehen. Sie nutzen es viel mehr als Ausgleich, sagt Zimmerli: «Sie haben das Bedürfnis nach Gegensatz. Darum gibt es in England oder Frankreich ja die Landhäuser. Das hat aber auch früher nicht dazu geführt, dass Städter aufs Land zogen. Das Schöne an der Sehnsucht ist ja, dass diese bleibt. Dass man sie kultivieren kann.»

All das schaffe Reibungsfläche. Die Leute auf dem Land fühlten sich oft «abgehängt», sagt Zimmerli: «Sie denken, die Politik interessiere sich sowieso nur für die Städter. Aber: In der Schweiz gibt es eine starke Bauernlobby.»

Doch im Inneren seien wir alle noch ein wenig Bauern: «Wir sind bereit, in die Infrastruktur auf dem Land zu investieren. Der Vorteil ist unser Wohlstand. Wir können uns das Land auch leisten.»

Handgemachte heile Welt

Marc Trauffers Alltag auf dem Land hat nichts mit Landwirtschaft zu tun, auch nichts mit Erholung, sondern mit Büez. Der Chef der Band Trauffer ist ebenfalls Inhaber der gleichnamigen Holzspielwaren AG. Die Kuh – das Aushängeschild – hat einst sein Grossvater kreiert.

2009 kaufte er den Familienbetrieb. Nicht nur mit seiner Musik, auch mit den Holzprodukten porträtiert Trauffer ein Landleben, dass manchem aus einer anderen Epoche zu stammen scheint.

Heile-Welt-Ästhetik handgemacht in der Schweiz: Das ist für Trauffer nicht antiquiert, sondern hochaktuell. «Da bin ich sehr gern ein Stück heile Welt und probiere Eltern und Kindern eine heile oder bessere Welt zu zeigen. Ja, ein Huhn braucht Auslauf. Und wenn wir es nicht mehr rumlaufen lassen können, dann müssen wir halt weniger tierische Produkte essen», erklärt Trauffer in der Werkstatt der Fabrik.

Marc Trauffer mit Hund in einer Werkstatt
Legende: Immer mit dabei: Sennenhündin June. SRF / Danielle Liniger

Büeze, büeze, büeze

Der Duft von frischgesägtem Lindenholz liegt in der Luft. Berner Sennenhündin June folgt uns auf Schritt und Tritt.

Die Firma habe in seinem Leben Priorität, sagt Trauffer. «Das ist meine Familiengeschichte, mein Ist-Zustand und meine Zukunft. Vielleicht funktioniert’s beim nächsten Album nicht mehr. Mein reales Leben, das ist die Firma, Arbeit und Unternehmung und das sind vor allem meine Kunden.»

In seiner Werkstatt beschäftigt er rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter auch Menschen, die sonst auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen haben. 2013 hat die Firma den Sozialstern der Stadt Thun gewonnen.

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Einblicke in die Marc-Trauffer-Werkstatt
Aus Kulturplatz vom 24.06.2020.
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Trauffer hat mit Musik und «Chüe» ein Imperium geschaffen. Er ist Entertainer, Unternehmer, einer, der anpackt, seine Produkte, sich selber und ein Stück Heimat verkauft, der mit seinem «Stuurchopf», wie seine Eltern zu sagen pflegen, erreicht hat, wovon er träumte.

Wenn’s ihn packt, fährt er in die Stadt. Er sucht Ausgleich – wie ein Grossteil der Schweizer, einfach mit umgekehrten Vorzeichen.

Kurz bevor wir die Rückreise antreten blocht noch ein Töffli an uns vorbei. Wir warten den Zweitakt-Qualm ab und atmen noch ein letztes Mal die frische Alpenluft ein, besteigen den Zug und freuen uns trotz allem wieder auf die pulsierende Stadt. Wo wir zwar kein Feuer an einer Tramhaltestelle machen, uns jedoch in der Anonymität andere Freiheiten herausnehmen können.

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Lust aufs Land
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SRF 1, Kulturplatz, 24.06.2020, 22:25 Uhr

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