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Trotz Beton und Stahl - wie Glocken in modernen Kirchen schön klingen
Aus Blickpunkt Religion vom 08.09.2019.
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Moderne Kirchenarchitektur Lauter die Glocken nie klingen

Lautes Glockengeläut ist oft der Architektur geschuldet, zumindest bei modernen Kirchen. Neue Baumaterialien und Konstruktionen förden das offene Aufhängen der Glocken – optisch interessant, akustisch aber oft zum Nachteil der Anwohnerinnen und Kirchgänger. Der Berner Glockenexperte Matthias Walter versucht das zu ändern.

Matthias Walter

Matthias Walter

Glockenexperte

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Matthias Walter ist Experte für Glocken. Der Berner Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler kümmert sich um den Klang und Lautstärke von zahlreichen Schweizer Glocken.

Warum stört das Glockengeläut vor allem von modernen Kirchen?

Das hat mit zwei Entwicklungen des 20. Jahrhunderts zu tun: Früher waren die Armaturen aus Holz und konnten durch die Witterung beschädigt werden. Darum baute man die Glockentürme eher geschlossen, was zugleich den Glockenton abdämpfte. Bei modernen Kirchen ist das nicht mehr nötig.

Einerseits ermöglichten die Baumaterialien Beton und Stahl neue Konstruktionen, an denen die Glocken frei aufgehängt werden konnten.

Andererseits haben Diskussionen rund um die Neue Sachlichkeit und Sparmassnahmen dazu geführt, dass moderne Kirchtürme niedriger gebaut wurden. Zudem kam das Flachdach in Mode, auch für Kirchen. Um die Kirchen nach wie vor symbolisch zu erkennen, half eine offene Inszenierung der Glocken.

Seit acht Jahren versuchen wir, das Schwungsystem der Glocken zu verändern.

Dass die Glocken offen aufgehängt wurden, ist also der Hauptgrund für laute Glocken bei modernen Kirchen?

Ja. Das sind zwar architektonisch interessante Konzepte. Aber schon bald erkannte man, dass die schwingenden Glocken teilweise unerträglich laut sind.

Insbesondere dann, wenn Kirchengängerinnen und Kirchengänger den niedrigen Glockenturm auf dem Weg zum Gottesdienst passieren müssen: Sie fühlen sich dann eher in die Kirche gescheucht statt eingeladen.

Ein Glockenturm.
Legende: Schöner Klang oder Lärmbelästigung? Der Glockenturm der Kirche San Giorgio in Golino. Keystone / Pablo Gianinazzi

Wie sehen Ihre Lösungen aus, um laute Glocken leiser zu machen?

Seit rund acht Jahren versuchen wir, das Schwungsystem der Glocken zu verändern. Natürlich hat man bereits in den 1960er-Jahren und später versucht, die Glocken leiser zu machen: Glockentürme wurden völlig umgebaut oder die Glocken mit Glasplatten oder Holzleisten zugebaut.

Das ist aber oft akustisch wie optisch unbefriedigend. Ich spüre immer wieder, dass die Sichtbarkeit der Glocken attraktiv ist und normalerweise beibehalten werden will. Darum setzen wir beim Schwungsystem der Glocken und den Klöppeln an, so sind die Glocken nach wie vor sichtbar. Das hat auch denkmalpflegerische Vorteile.

Wie ändert man das Schwungsystem?

Etwa indem der Tragbalken beschwert wird, an dem die schwingende Glocke hängt. Dadurch wird die Glocke langsamer. Es entsteht eine ganz andere Dynamik, mit der der Klöppel die Glocke anschlägt: Er berührt nun die untere Glockenkante.

Das macht einen grossen Unterschied, lästige Obertöne können so gedämpft werden. Wie laut oder leise eine Glocke ist, hängt auch davon ab, wie der Klöppel und insbesondere sein Fortsatz, der Vorschwung, dimensioniert ist. Selbst ein sorgfältiger Klöppelersatz kann bereits viel bewirken.

Der Eingang des ökumenischen Zentrums St. Andreas in Kehrsatz.
Legende: Zu laut: Den Glocken des ökumenischen Zentrums in Kehrsatz wurde ein neues Schwungsystem verpasst. Ginko2g

Wo haben Sie diese Methode schon erfolgreich umgesetzt?

Zum Beispiel bei den Glocken des ökumenischen Zentrums Kehrsatz, Kanton Bern. Das Schwungverhalten der Glocken musste im Vorfeld möglichst genau berechnet werden. Zusammen mit dem Unternehmer, der die Umsetzung auch zum ersten Mal machte, konnten wir zuerst Testversuche durchführen und dann das Ganze erfolgreich umsetzen.

Ist diese Methode finanziell günstiger als architektonisch etwas zu verändern?

In den meisten Fällen ja. Wie viel es letztlich ausmacht, ist je nach Einzelfall unterschiedlich. Je offener der Turm, desto markanter ist das Sparpotenzial im Schwung- und Klöppelsystem gegenüber Verbauungen.

Das Gespräch führte Léa Burger.

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