Zum Inhalt springen

Header

Audio
Beziehung statt Erziehung: Das neue Buch «Familienjahre» von Michael Schulte-Markwort
Aus Kultur-Aktualität vom 06.11.2019.
abspielen. Laufzeit 03:45 Minuten.
Inhalt

Beziehung statt Erziehung «Kinder lieben uns, auch wenn wir blöd sind»

Wie gelingt das familiäre Zusammenleben? Der Psychiater Michael Schulte-Markwort meint: «Misstraut euren Kindern nicht!»

Bekannt geworden ist der Hamburger Therapeut Michael Schulte-Markwort mit «Burnout Kids» und «Super-Kids» – Büchern, die von der Überforderung unserer Kinder in der Leistungsgesellschaft handeln. In seinem neuen Buch «Familienjahre» liegt sein Fokus auf der Familie, dem Mikrokosmos in der Gesellschaft.

Michael Schulte-Markwort

Michael Schulte-Markwort

Kinder- und Jugendpsychiater

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort (* 1956) ist der ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Eppendorf. Besonders bekannt ist der Hamburger Therapeut für seine Arbeiten zur Erschöpfungsdepression (Burnout-Syndrom) bei Kindern und Jugendlichen.

SRF: Sie fordern weniger Erziehung, dafür mehr Haltung und mehr Beziehungen. Was meinen Sie damit?

Michael Schulte-Markwort: Dass man als Erwachsener tatsächlich seine innere Haltung den Kindern gegenüber überprüft, wie man das mit anderen Partnern im Leben auch macht, etwa mit Liebespartnern. Niemand würde auf die Idee kommen, seinen Liebespartner erziehen oder umerziehen zu wollen. Wenn schon, ist das zum Scheitern verurteilt.

Bei Kindern denken wir, wir müssten eine Art doppelte Buchführung machen, indem wir unter Umständen etwas anderes sagen, als wir wirklich als Haltung in uns tragen.

Wie kommt man zu mehr innerer Haltung?

Eine innere Haltung hat man automatisch. Etwa bestimmte Gedanken und Gefühle über jemanden. Wenn es gut geht in einer authentischen Beziehung, lebt man das wahrhaftig. Mit Kindern ist es oft so, dass Eltern das zurückhalten, weil sie denken, sie müssten ihren Kindern mit bestimmten pädagogischen Prinzipien begegnen.

Diese Eltern möchte ich ermuntern, sich wesentlich auf das zu konzentrieren, was in ihnen ist. Eltern sollten in sich gehen und auf sich selbst hören.

Je mehr Familien sich selbst in den Mittelpunkt stellen, desto mehr können sie steuern.

In einigen Erziehungsratgebern ist von Helikopter-Eltern und Tyrannen-Kindern die Rede. Sie sind seit über 30 Jahren Kinder- und Jugendpsychiater. Gibt es etwas, worüber Sie sich ernsthaft Sorgen machen?

Über die misstrauische Haltung von Eltern. Es gibt Sätze, die heute über Kinder immer noch vermeintlich Gültigkeit haben. Etwa: Wenn man einem Kind den kleinen Finger reicht, will es die ganze Hand. Wir unterstellen Kindern Unersättlichkeit.

Sätze wie «die verlässlichste Liebe überhaupt unter Menschen ist die Kinderliebe» übersehen wir aber. Kinder lieben uns, auch wenn wir blöd sind. Kinder lieben uns sogar, wenn wir sie schlagen.

Wir verlassen uns nicht darauf, sondern sind misstrauisch und denken Kinder wollen uns instrumentalisieren, wollen uns manipulieren.

Bezogen auf die erwähnten Buchtitel: Ich kenne keine tyrannischen Kinder. Ich kenne wütende oder verzweifelte Kinder. Tyrannentum aber unterstellt, dass man eine bewusste sadistische Strategie hat, um andere zu quälen und zu unterdrücken. Das gilt für Kinder nicht.

Eine Mutter umarmt ihr Kind von hinten.
Legende: Den Kindern müssten wir nicht mit Prinzipien begegnen, sondern mit Haltung, sagt Michael Schulte-Markwort. Keystone / CHRISTOF SCHUERPF

In einem Kapitel in «Familienjahre» geht es um die Frage, wer man ist als Familie. Warum ist diese Frage so wichtig?

Weil ich den Eindruck habe, dass Familienidentitäten wesentlich aus der Frage schöpfen: Was denken andere über uns? Ich möchte gerne Kinder, Familien und Eltern dazu ermuntern, das aktiver von sich auszugestalten. Also: Wer sind wir und wer wollen wir sein?

Führungspersönlichkeiten in Unternehmen stellen sich ständig solche Fragen und werden dazu angehalten, solche Profile über sich selber zu erstellen und die dann auch zu leben. Das machen wir im Alltag zu selten.

Ich mache das mit Kindern, mit sogenannte Ich-Plakaten. Wir erarbeiten Fragen wie: Was für ein Mensch bist du eigentlich? Was sind deine Stärken? Was findest du an dir schwierig? Was möchtest du ändern? Je mehr Eltern und Familien den Mut haben, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, desto mehr können sie steuern.

Das Gespräch führte Katrin Becker.

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.