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Ausstellungsbesprechung: «Werkstatt Alpen»
Aus Kultur kompakt vom 18.10.2019.
abspielen. Laufzeit 03:59 Minuten.
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Ausstellung «Werkstatt Alpen» Handarbeit muss wieder die Beachtung bekommen, die sie verdient

Viele Handwerksberufe sterben aus. Auch deshalb porträtiert das Alpine Museum in Bern Schindelmacher und Skibauer.

«Schindelmachen ist eine sehr eintönige und einsame Arbeit. Genau das gefällt mir», lacht die gelernte Schreinerin Eva Gredig. Sie lebt im Safiental im Kanton Graubünden und arbeitet auch als Schindelmacherin.

Nun ist sie nach Bern zur Eröffnung der Ausstellung «Werkstatt Alpen» angereist und demonstriert dort ihr Handwerk.

Die letzten ihrer Art

Eva Gredig und ein Handwerkskollege sind die letzten ihrer Art im Safiental. Längst werden Dachschindeln vor allem maschinell hergestellt – doch damit gehe der Bezug zum Material verloren, sagt Eva Gredig.

«Mich fasziniert, wie sich das Holz verarbeiten lässt. Das natürliche Spalten, ohne Maschine. Ich brauche keinen Strom, gar nichts – alles nur mit Muskelkraft.»

Ein Foto einer Person, die mit Holz arbeitet: In der Schindelwerkstatt legt das Publikum selber Hand an.
Legende: In der Schindelwerkstatt legt das Publikum selber Hand an. Nicole Hametner

Die Schindelmacherei ist eine Station im Ausstellungsrundgang des Alpinen Museums der Schweiz. Im Werkstatt-Parcours wird den Besuchern das alpine Handwerk vermittelt.

Etwa an einer Werkzeugwand, wo man sieht, mit welchen Hilfsmitteln ein Skibauer seine Materialien verarbeitet. Oder auf grossen Videoscreens, auf denen die Arbeit einer Weberin deutlich wird. Ausstellungsmacherin Barbara Keller war mit 45 alpinen Werkstatt-Betrieben in Kontakt.

Ein Foto der Gastwerkstatt mit Lernenden der Geigenschule Brienz.
Legende: Zu Gast im Museum: eine Werkstatt mit Lernenden der Geigenbauschule Brienz. Nicole Hametner

Ziel war es ein Stück Realität aus dem Bergebiet ins Museum zu bringen: «Wir kennen vielleicht die Produkte, die Schuhe, den Käse – Dinge, die wir im Alltag brauchen.

Hier kann man den Leuten beim Arbeiten zuschauen, man sieht mit welchen Herausforderungen sie in unserer Zeit konfrontiert sind», so Barbara Keller.

Nicht genügend Fachkräfte

In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung gibt es viele Herausforderungen für alpine Handwerksberufe, sagt Barbara Keller: «Eine ist sicher die Abgeschiedenheit. Es gibt lange Transportwege für Materialien und Produkte.»

Ausserdem sei es nicht einfach genügend Fachkräfte zu finden. Leute, die dieses Wissen noch haben oder bereit sind es zu lernen.

Ein Foto einer Filminstallation im Museum, die verschiedene Betriebe vorstellt.
Legende: Auch das Handwerk der Käser wird in der Ausstellung thematisiert. Nicole Hametner

Wie viele Jugendliche entscheiden sich nach der Schulzeit für eine handwerkliche Berufslehre? Welche handwerklichen Berufe sind gefährdet oder sogar ausgestorben? Antworten auf diese Fragen gibt der interaktive Werkstattteil der Ausstellung.

Wie in einer echten Werkstatt kämpft man sich durch Metallschubladen und Werkbänke und erfährt von ausgestorbenen Handwerksberufen wie dem Eissäger, der im 19. Jahrhundert aus dick zugefrorenen Seen Eisplatten herausschnitt und als Kühlmittel verkaufte. Dem Leimsieder, der aus Knochen und Häuten Klebstoff herstellte. Oder dem Vogelfänger, der Schmuck-, Sing- oder Speisevögel verkaufte.

Ein Foto von vier Protagonisten der Ausstellung "Apen Werkstatt".
Legende: Eva Gredig (2.v.r.) ist eine von sieben Protagonisten der Ausstellung. Vorgestellt werden auch eine Weberin, ein Skibauer, ein Käser, ein Schreiner, eine Schuhmacherin und eine Geigenbauerin. Brigit Rufer, Rob&Rose

Ein Besuch der Ausstellung «Werkstatt Alpen» lohnt sich. Vor allem weil darin nicht nur über die Handwerkerinnen und Handwerker gesprochen wird. Sie sind teilweise selber anwesend. Dadurch kann ein echter Dialog zwischen unterschiedlichen Arbeitsrealitäten entstehen.

«Das ist ein Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung», sagt Kuratorin Barbara Keller. «Die Ausstellung überbringt eine klare Haltung: Der Handarbeit soll wieder mehr Beachtung gegeben werden. Die Besucherinnen und Besucher müssen nicht alle dieser Meinung sein, aber es soll anregen, diesen Fragen selber nachzugehen.»

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Werkstatt Alpen. Von Macherinnen und Machern» gibt es bis zum 27. September 2020 im Alpinen Museum der Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster in Bern zu sehen.

Tatsächlich verlässt man die Ausstellung mit solchen Fragen: Was fasziniert uns an der Handarbeit in unserer digitalisierten und automatisierten Zeit? Und: Wofür brauchen wir heute unsere Hände, ausser um Knöpfe zu drücken und über einen Bildschirm zu fahren?

1 Kommentar

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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Sehr schön, Zwischenzeitlich hatte mein Vater noch als Dachdecker gearbeitet und auch Schindeln und Schipfen hergestellt. U.a. hat er eine der beiden Alphütten am Gfell neu eindecken helfen und wir gehen davon aus, dass einige der Schipfen am Turmhut der Kirche Saanen, nach dem Brand von 1940 neu eingedeckt, von ihm hergestellt wurden.
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