Einwanderer in der Schweiz Woher kommen die negativen Gefühle gegenüber Franzosen?

Die Beziehung zwischen Schweizern und Franzosen sei zu grossen Teilen auf Klischees aufgebaut. Tatsächlich kennen sie sich viel zu wenig, findet die französische Journalistin Marie Maurisse, die seit 2008 in der Schweiz wohnt.

Video ««Wir sind glücklich in der Schweiz»» abspielen

«Wir sind glücklich in der Schweiz»

1:17 min, vom 13.6.2017

SRF DOK: Welches sind in Ihren Augen die Hauptgründe für Franzosen, in der Schweiz ein neues Leben zu starten?

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Zur Person

Marie Maurisse, geboren 1983 in Frankreich, ist freie Journalistin und Korrespondentin der Zeitung «Le Monde» in der Schweiz. 2016 erschien ihr Buch «Bienvenue au paradis», welches sich mit der Beziehung zwischen Schweizern und französischen Einwanderern in der Schweiz beschäftigt.

Marie Maurisse: Dafür gibt es viele Gründe. Vor allem natürlich wegen des Schweizer Arbeitsmarkts. In Frankreich liegt die Arbeitslosenquote bei über zehn Prozent. So kommen natürlich nicht wenige Franzosen mit der Hoffnung, eine Arbeit zu finden, in die Schweiz. Oder aber sie haben einen Job in Frankreich und hoffen, die berufliche oder finanzielle Situation durch eine Arbeit in der Schweiz verbessern zu können. Vergessen wir nicht, dass viele Stellenangebote von Schweizer Firmen auch in Frankreich veröffentlicht werden.

Wie werden die französischen Einwanderer in der Schweiz begrüsst?

Die Palette reicht von «sehr herzlich» bis «eher kühl». Die Schweizer sind sehr herzliche Menschen, aber sie haben in Sachen Einwanderung aus Frankreich auch einige Bedenken. Die Franzosen gelten als direkte Konkurrenten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt, als günstige Arbeitskräfte.

Es kann durchaus vorkommen, dass man ihnen Autoreifen zersticht, ihre Autos zerkratzt oder dass sie auf der Strasse beschimpft werden. Das kommt allerdings selten vor. Eher häufig ist hingegen eine gewisse Kälte gegenüber französischen Kollegen oder Nachbarn. Übrigens verdienen die meisten Franzosen in der Schweiz für den gleichen Job weniger, als ihre Schweizer Kollegen.

In der Deutschschweiz hört man häufig, die Deutschen seien sehr direkt und wenig rücksichtsvoll. Was werfen die Schweizer in der Westschweiz den Franzosen vor?

Es ist spannend zu sehen, wie sehr sich die Klischees in beiden Landesteilen gleichen. Es scheint, dass die Schweizer – wie die meisten Bevölkerungen der Welt – mehr Angst vor jenen haben, die ihre Nachbarn sind, als vor jenen, die von weit weg kommen. Den Franzosen wird vorgeworfen, sie seien zu sehr auf direkten Wettbewerb mit den Kollegen aus, sie hätten keinen Teamgeist und seien wenig kompromissbereit.

Und umgekehrt, was werfen die Franzosen den Schweizern vor?

Zusatzinhalt überspringen

«Grüezi Schweiz»

Die dritte Folge von «Grüezi Schweiz» wird am Freitag, 16. Juni 2017, um 21:00 Uhr auf SRF1 ausgestrahlt.

Grob gesagt, das Gegenteil dessen, was die Schweizer ihnen vorwerfen. Die Franzosen haben häufig das Bild des langsamen, eher verschlossenen Schweizers im Kopf. Aber ehrlich gesagt kennt ein grosser Teil der Franzosen die Schweiz und ihre Bewohner nur sehr schlecht, auch wenn die Schweiz ein Nachbarland Frankreichs ist.

Wie sieht es mit Grenzgängern aus?

Die sind sozusagen auf der Beliebtheitsskala ganz unten. Während die Einwanderer wenigstens durch ihre Steuern zum Sozialsystem der Schweiz beitragen, werden die Grenzgänger als Profiteure angesehen. Ihnen wird vorgeworfen sich an der Schweiz zu bereichern, ohne anschliessend einen Teil ihres Gewinns in das Land zurückfliessen zu lassen, das ihnen den Lebensstil ermöglicht hat.

Woher kommen diese negativen Gefühle gegenüber den Franzosen?

Das ist eine komplexe Sache. Ich denke, in der Westschweiz hängt das Ganze stark mit der gestiegenen Anzahl von französischen Einwanderern zusammen. Früher kamen die Franzosen vor allem in jenen Bereichen zum Einsatz, in denen die Schweiz händeringend nach qualifizierten Fachkräften suchte. Ich denke da zum Beispiel an Ärzte und Ingenieure.

Heute drängen die französischen Arbeitskräfte jedoch auch in jene Märkte, in denen auch die Schweiz eine prekäre Arbeitsmarktsituation kennt. Dort sorgen sie dann für mehr Konkurrenz – ganz abgesehen davon, dass sie natürlich auch für vermehrte Spannung auf dem Wohnungsmarkt sorgen.

Es gibt aber auch eine historische Begründung: Lange Zeit erschien Frankreich den Schweizern als der «brillante Nachbar». Frankreich gilt als die «Wiege der Aufklärung» und «Grande Nation». Dieses Bild hat sich um 180 Grad gewendet. Heute ist Frankreich ein Land in der Krise, während es der Schweiz im direkten Vergleich sehr gut geht. Ich denke, hier könnte es eine Art «Revanche» geben. So mancher Schweizer denkt sich vielleicht: «Ihr Franzosen habt jahrhundertelang auf uns hinabgeschaut und heute braucht Ihr uns, um Arbeit zu finden.»

In der Deutschschweiz gibt es immer wieder Medienkampagnen gegen die Deutschen in der Schweiz, ist das in der Westschweiz mit den Franzosen ähnlich?

In der Westschweiz sind die Medien nicht ganz so aggressiv gegen die Franzosen. Natürlich gibt es auch hier hin und wieder entsprechende Artikel, aber das «Bashing» findet eher in den sozialen Netzwerken statt. Erst kürzlich habe ich auf Twitter gelesen, in Sachen «Franzosen in der Schweiz» sei das Erträgliche überschritten. Oft wird so etwas bewusst von politischen Parteien initiiert, die damit klare politische Ziele verfolgen.

Ihre Tipps für ein gutes Zusammenleben?

Ich glaube, dass die Beziehung zwischen Schweizern und Franzosen zu grossen Teilen auf Klischees aufgebaut ist. Tatsächlich kennen sie sich gegenseitig viel zu wenig. Ich denke, wie auch in anderen Ländern und Kulturen ist es wichtig, sich besser kennenzulernen und auszutauschen. Das scheint mir der wichtigste Schritt, um sich besser zu verstehen.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 16.06.2017 21:00

    DOK - Grüezi Schweiz
    Neue Probleme (3/5)

    Staffel 2017, Folge 3

    Die Portugiesin Lisa Maria Araujo wird während ihrer Ferien in Portugal mit Problemen konfrontiert. Ihre Mutter leidet an beginnender Demenz und die finanzielle Situation ihrer Söhne ist schwierig. Der ältere Sohn spielt mit dem Gedanken, sein Land zu verlassen, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen.