Schweizer Schulsystem Schulbesuch für Flüchtlingskinder

Ende 2016 befanden sich in der Schweiz mehr als 20‘000 Minderjährige im Asylprozess. Mehr als 3‘000 von ihnen sind im schulpflichtigen Alter und haben Anspruch auf unentgeltlichen Schulunterricht. Eine enorme Herausforderung für das Schweizer Schulsystem.

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Razan in der Schule

1:33 min, vom 29.5.2017

Razan Al Sheikh ist vier Jahre älter, als die übrigen Mitschüler ihrer Klasse. Vor zwei Jahren schaffte es die 14-jährige Syrerin zusammen mit drei weiteren Geschwistern und ihren Eltern in einem der überfüllten Flüchtlingsboote über das Mittelmeer nach Italien und weiter bis in die Schweiz. Sie alle wurden als Flüchtlinge anerkannt und leben heute in der Nähe von Chiasso.

Razan und ihre Geschwister haben innerhalb eines Jahres Italienisch gelernt. Doch Krieg und Flucht fordern ihren Tribut: Razan ist schulisch auf dem Niveau von Schweizer Zehnjährigen.

Ein Porträt von Razan Al Sheikh. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zusammen mit ihren Eltern, ihren beiden Schwestern und einem kleineren Bruder lebt Razan jetzt in der Nähe von Chiasso. SRF

Bestens integriert trotz Altersunterschied

Trotz Altersunterschied – Razan ist bestens integriert. Ihre Mitschüler schätzen sie genauso, wie ihre Lehrer. «Razan ist erst 14 und hat in vielen Bereichen bereits die Gedanken und die Reife einer erwachsenen Frau», sagt zum Beispiel ihre Lehrerin Chiara Ravasi. «Sie kümmert sich sehr lieb um ihre Mitschüler und strahlt sehr viel positive Energie aus. Sie hat es wirklich geschafft, ihre schlimmen Erfahrungen in etwas Positives zu verwandeln.»

Unterricht ja – aber wie?

Der Schulbesuch ist ein wichtiger Schritt für die Integration und für eine Zukunftsperspektive der minderjährigen Flüchtlingskinder. Doch er stellt die Kantone vor grosse finanzielle und logistische Herausforderungen. In den meisten Fällen erlernen die Kinder zunächst in den Flüchtlingszentren die Landessprache und kommen anschliessend in spezielle Übergangsklassen, bis sie in reguläre Schulen integriert werden können.

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«Grüezi Schweiz»

Die zweite Folge von «Grüezi Schweiz» wird am Freitag, 9. Juni 2017, um 21:00 Uhr auf SRF1 ausgestrahlt.

Einen eigenen Ansatz verfolgt der Kanton Genf. Dort besuchen Flüchtlingskinder am Vormittag speziell auf sie zugeschnittene Lektionen, am Nachmittag nehmen sie in Regelklassen am Unterricht teil.

Eine Chance für die Gesellschaft

Dieses Modell gefällt dem Präsidenten des Dachverbandes der Schweizer Lehrkräfte, Beat Zemp, besonders gut. In Interviews setzt er sich immer wieder für die schulische Integration von Flüchtlingen ein. So auch in einem Interview mit der Coopzeitung: «Man darf Flüchtlinge nicht nur als Belastung für das System und die Gesellschaft anschauen, sie sind nämlich eine Chance», so seine Überzeugung. «Es gibt Studien, die belegen, dass Länder, die Flüchtlingsströme aufgenommen haben, letztlich immer davon profitieren. Voraussetzung ist aber, dass genügend Mittel für die schulische Integration vorhanden sind.»

Flüchtlingskinder als Bremse für schulischen Fortschritt der eigenen Kinder?

Beat Zemps Ansicht wird von einigen Eltern Schweizer Schulkinder nicht geteilt. Aus ihren Reihen werden Stimmen laut, die besorgt anmahnen, der schulische Fortschritt der eigenen Kinder werde durch die Aufnahme von Flüchtlingen in den Klassen gebremst.

Zumindest für die Klasse der 14-jährigen Razan scheint dies nicht zuzutreffen. Sie kann im Unterricht der vier Jahre jüngeren Mitschüler gut mithalten. Und sie öffnet ihnen den Blick auf andere Welten. «Ich wusste nicht viel über Syrien», sagt eine ihrer Klassenkameradinnen, «nur, dass es dort Krieg gibt und die Menschen deshalb fliehen müssen.»

Razan entdeckt die Schweiz für sich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Razan entdeckt die Schweiz für sich. SRF

Razan und ihre Schwester Rawan werden in der Schule immer wieder auf ihre Vergangenheit und die Aktualität in Syrien angesprochen. Geduldig erklären sie ihren Schweizer Klassenkameraden immer wieder, was der Krieg in Syrien ganz konkret für sie bedeutet hat – und immer noch bedeutet. Beide haben durch ihren Besuch in der Schweizer Schule Anschluss und Freunde gefunden. «Rawan ist ein fantastisches Mädchen», sagt eine ihrer Freundinnen, «ich habe das Gefühl, sie bereits mein ganzes Leben lang zu kennen. Wir verbringen viel Zeit miteinander.»

Kurzfristige Kosten vs. langfristige Kosten

Die schulische Integration tausender Flüchtlingskinder kostet den Staat und die Kantone viele Millionen Franken pro Jahr. Und er bringt das existierende Schulsystem an seine Grenzen. Aber: «Es ist wichtig, dass keine Parallelgesellschaften entstehen», sagt der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver gegenüber SRF.

«Die Leute wollen hier etwas lernen, arbeiten und uns unterstützen. Wenn sie dereinst in ihre Heimat zurückkehren, was wir hoffen, ist es ebenso wichtig, dass sie eine gute Bildung haben, um beim Aufbau ihres Heimatlandes mithelfen zu können.» Denn dann, so fährt er fort, müssten die Menschen von dort gar nicht mehr fliehen, was langfristig die Höhe der Ausgaben für Flüchtlinge senken würde.

Gute Aussichten

Rawan und Razan hoffen, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können. Wenn sich diese Hoffnung erfüllt, werden sie in Syrien dank ihres Schulbesuchs und ihrer Ausbildung gute Aussichten auf einen Job und eine Zukunftsperspektive haben.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 09.06.2017 21:00

    DOK - Grüezi Schweiz
    Neue Erfahrungen (2/5)

    Staffel 2017, Folge 2

    Für die Franzosen Julie Reynaud und Fabien Canovas geht in ihrer neuen Heimat ein Traum in Erfüllung. Gleich auf ihrer ersten Wanderung in der Schweiz begegnen sie einem Steinbock. Doch ein ganz besonders Ereignis möchten sie lieber in ihrer alten Heimat feiern.