Franco Knie im Gespräch «Es ist schön, nicht mehr zu müssen»

Sein Leben spielte sich grösstenteils in der Manege des Zirkus Knie ab. Heute bevorzugt Franco Knie Sesshaftigkeit und Ruhe.

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«Den Fehler muss man bei sich suchen, nicht beim Tier»

0:38 min, vom 8.8.2017

Franco Knie, wie war es im Zirkus aufzuwachsen?

Mein Bruder und ich hatten eine schöne Zeit. Für meinen Vater war Familie immer wichtig und für meine Mutter sowieso, als Italienerin. Sie schaute zu uns Kindern und arbeitete an der Zirkuskasse. Wir hatten natürlich nicht den Komfort, den man heute in den Wohnwagen hat. Wir hatten kein fliessendes Wasser. Es gab nicht immer Strom. Mein Bruder und ich mussten nach dem Essen am Brunnen Wasser holen, damit meine Mutter abwaschen konnte. Das waren ganz andere Zeiten.

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Sendungshinweis

Die sechste Folge von «Geboren am…» mit Franco Knie wird am Mittwoch, 9. August 2017, 20:05 Uhr auf SRF1 gezeigt.

Wie seid ihr durch die Schweiz gereist?

Manchmal wurden wir mit unseren alten Wagen auf einen Zug verladen. Auf dem Zug zu schlafen, war für mich ein Highlight. Oder wenn ein Traktor den Wagen vom Bahnhof bis zum Zirkusplatz durch die Stadt zog – dann öffneten wir manchmal die Vorhänge und winkten aus dem Fenster. Das waren spezielle Momente.

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«Wir arbeiten und leben auf engem Raum»

0:39 min, vom 8.8.2017

Wann merkten Sie, dass Sie eine Verbindung zu Elefanten haben?

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«Geboren am ...»

Historische Ereignisse unter einer Lupe

SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag zur Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am...»:

Das kam irgendwie automatisch. Ich bin mit diesen Tieren aufgewachsen, so wie andere Kinder mit einem Hund aufwachsen. Für mich war das normal. Es gab aber auch viele andere Tiere. Wir hatten zum Beispiel eine Riesenschildkröte. Die war frei im Zoo, und ich ritt immer auf ihr.

Einmal bin ich auf dieser Schildkröte eingeschlafen. Sie kroch unter einen Zirkuswagen, weil es so heiss war. Meine Mutter – der ganze Zirkus – suchte mich. Und ich hatte einfach etwa drei Stunden auf der Schildkröte geschlafen.

Sie waren vor allem in den Ferien im Zirkus, während der Schulzeit hatten Sie ein «normales» Leben fern vom Zirkus. Wie war es, diese beiden Welten zusammenzubringen?

Es war ganz wichtig für mich, nicht im Zirkus zur Schule zu gehen, sondern ausserhalb. Das Zirkusleben ist eine geschlossene Welt. In der Schule in Rapperswil wuchs ich mit «Normalen» auf, das hat mir viel gegeben. Im Zirkus war ich der Sohn des Direktors, da wird man anders behandelt. Ausserhalb des Zirkus war ich einfach ein Kind, wie alle anderen auch.

Wie war der Wechsel von der Schule zurück in den Zirkus?

Ich kann mich noch gut an meinen ersten, eigenen Wohnwagen erinnern. Ich war wahnsinnig stolz, als ich den bekam. Mein erstes, eigenes Zuhause.

Bei den ersten Auftritten in der Manege war ich sehr aufgeregt, aber mit der Zeit bekam ich immer mehr Vertrauen und fühlte mich besser. In der Manege haben wir keinen Vorhang, den wir ziehen können. Wir machen keinen Film, den man schneiden kann. Alles ist live vor Publikum – und gerade mit Tieren kann jeden Tag was anderes sein.

Franco Knie (senior) zeigt seine Elefantennummer bei der Hauptprobe des Zirkus Knie in Rapperswil, 2001. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Franco Knie (senior) zeigt seine Elefantennummer bei der Hauptprobe des Zirkus Knie in Rapperswil, 2001. Keystone

Wie wurden in Ihrer Familie Konflikte ausgetragen?

Wir konnten immer gut unterscheiden zwischen Privatem und Arbeit. Das ist heute noch so. Unsere Eltern haben uns klare Aufgaben gegeben, jeder war für etwas zuständig. Darum gab es nicht grosse Konflikte. Klar gab es Streit, aber man hat immer irgendwie miteinander reden können.

Nach 44 Jahren Unterwegssein mit dem Zirkus, kümmern Sie sich seit 2014 um den Elefantenpark «Himmapan» in Rapperswil. Wie erleben Sie die Sesshaftigkeit?

In die Stadt gehen, in ein Café sitzen oder Konzerte besuchen – das konnte ich früher nie. Ich liebe Musik über alles, oder auch einfach Zuhause zu sitzen. Tagelang nicht zu reden, macht mir nichts aus. Ich war immer unter Leuten, deshalb geniesse ich diese Momente, wenn ich allein bin.

Wie läuft eine Elefantengeburt ab?

0:47 min, vom 8.8.2017

Ist das ein Resultat Ihrer Zirkusvergangenheit oder eher eine «Alterserscheinung»?

Ich mag den Rhythmus nicht mehr, den mein Leben früher hatte. Ich hatte immer Verpflichtungen. Medientermine einhalten, Gäste willkommen heissen... ich musste immer. Heute muss ich nicht mehr. Wenn es mir nicht passt, sage ich nein. Das ist Luxus, das geniesse ich.

War für Sie als Sohn eines Zirkusdirektors die Karriere vorbestimmt?

Ich denke, das ist bei uns allen so. Unser Leben ist vorgespurt – da kann man machen, was man will. Meine Eltern haben mich nie gezwungen, aber auch nicht gefragt. Selbst wenn sie mich gefragt hätten: Ich hätte nichts geändert. Dieses Leben war so spannend und faszinierend. Das ist es heute noch. Ich hatte Glück, im Zirkus aufzuwachsen, ich durfte viel erleben.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 09.08.2017 20:05

    Geboren am
    Geboren am 8. September 1954 – mit Franco Knie

    09.08.2017 20:05

    Die 1950er-Jahre. Es gibt Fernsehen, Coca Cola, Sissi und Elvis. Drei Menschen, geboren am 8. September 1954, erzählen ihre Lebensgeschichte. Wie ist es, wenn man in eine Zirkusfamilie hinein geboren wird? Davon erzählt Franco Knie.