Unnötige Arthroskopien Experten raten von Knie-Operationen ab

Experten raten von chirurgischen Eingriffen bei Kniebeschwerden ab. Physiotherapie oder Medikamente nützen genauso viel.

Ein Knie wird verbunden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bringt wenig oder nichts: Viel zu häufig werden Abnutzungserscheinungen im Knie mit einer Operation behandelt, warnen Fachleute. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze:

  • Schlüsselloch-Eingriffe am Knie – sogenannte Arthroskopien – nützen nicht viel.
  • Das renommierte «British Medical Journal» empfiehlt, in fast allen Fällen darauf zu verzichten.
  • Doch der Eingriff ist beliebt. Bei vielen Ärzten gilt er noch als beste Behandlung. Für die Spitäler ist er ein lukratives Geschäft.

Jede vierte Person über 50 kennt das Problem: Die Kniegelenke beginnen zu schmerzen. Meistens sind es ganz normale Abnützungserscheinungen, etwa am Knorpel oder am Meniskus. Schnelle Linderung verspricht die Arthroskopie – ein kleiner chirurgischer Eingriff, bei dem der Operateur wie durch ein Schlüsselloch ins Knie hineinguckt und es gleichzeitig behandelt.

Zwei Chirurgen operieren ein Knie mittels Arthroskopie. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Arthroskopie: Durch nur wenige Millimeter kleine Schnitte und geleitet von einer Minikamera im Knie, operieren die Chirurgen. Imago

So können lose Meniskusteile rasch entfernt, Kreuzbänder geflickt oder die Beweglichkeit wiederhergestellt werden. Doch nun kommt das renommierte «British Medical Journal» in einer grossangelegten internationalen Studie zum Schluss, die Arthroskopie nütze wenig bis gar nichts.

Vorteil verflüchtigt sich rasch

An der Studie beteiligt war auch Thomas Agoritsas vom Universitätsspital Genf. In den ersten drei Monaten nach der OP, sagt der Mediziner, sei zwar die Arthroskopie der konservativen Behandlung mit Physiotherapie und Medikamenten leicht überlegen, doch dieser Unterschied verschwinde nach ein, zwei Jahren.

Und längerfristig, das hätten sämtliche seriösen Untersuchungen gezeigt, sei man ohne Arthroskopie sogar besser dran. Deshalb rät das «British Medical Journal» jetzt eindringlich davon ab, bei Kniebeschwerden eine Arthroskopie zu machen.

Ein lukratives Geschäft

Doch der Eingriff ist sehr beliebt, gerade auch in der Schweiz. Rund 35'000 Mal wird er hierzulande jedes Jahr durchgeführt, mehrheitlich im Spital.

Ein lukratives Geschäft, sagt der Basler Gesundheitsökonom Stefan Felder: «Wenn man das hochrechnet, kommt man auf rund 200 Millionen Franken im Jahr, also richtig viel Geld.» Geld, das ganz unnötig ausgegeben werde. Denn während eine Operation im Spital schnell einmal mit 20'000 Franken zu Buche schlägt, kostet etwa Physiotherapie einen Bruchteil davon.

Immer mehr Knie-Arthroskopien

Nun stehen Knieoperationen schon länger im Verdacht, dass sie nicht viel nützen und trotzdem viel kosten. Dies vermutet auch Gesundheitsminister Alain Berset: Er lässt die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Eingriffe derzeit überprüfen, um Geld einzusparen. Trotzdem wird immer häufiger operiert. Seit 2005 ist die Zahl der Knie-Arthroskopien hierzulande um rund 20 Prozent gestiegen. Warum die Zunahme?

«  Orthopäden verdienen an den Eingriffen, das ist ihr Geschäft. »

Thomas Agoritsas
Arzt am Unispital Genf

Thomas Agoritsas nennt als Begründung die finanziellen Anreize: «Orthopäden verdienen an den Eingriffen, das ist ihr Geschäft», sagt der Genfer Forscher. Zwar würde kein Arzt eine Operation verordnen, von deren Wirksamkeit er nicht überzeugt sei. Aber wie ein Arzt diese Wirksamkeit beurteile, werde eben von finanziellen Anreizen stark beeinflusst, wissenschaftliche Evidenz hin oder her.

«Grosse Beharrungstendenzen»

Noch schwieriger aber sei, dass es bei solchen Diskussionen auch um die ärztliche Berufsehre gehe. Gesundheitsökonom Stefan Felder stellt bei Ärzten «grosse Beharrungstendenzen» fest, wenn es um ihre Methoden gehe. Doch das sei schwierig zu ändern.

Forscher Thomas Agoritsas bestätigt diese Einschätzung: Die Fachärzte seien von ihren Praktiken sehr überzeugt, so hätten sie es schliesslich gelernt. Umso schwerer falle es ihnen einzugestehen, dass sie vielleicht während Jahren etwas praktiziert hätten, das wenig wirkungsvoll sei.

Das Portemonnaie muss leiden

Gesundheitsökonom Stefan Felder findet, mit Empfehlungen an die ärztliche Ethik zu appellieren, reiche nicht aus, um ein Umdenken herbeizuführen. Die jetzige Praxis ändere sich nur übers Portemonnaie: «Die Knie-Arthroskopie sollte eigentlich nicht von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung bezahlt werden.»

Sendung: SRF4 News, Echo der Zeit, 12.06.2017, 18 Uhr

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