Plastikmüll in der Arktis «Die Fischer dachten: Was sie ins Meer werfen, ist weg»

Plastikmüll bedroht unsere Ozeane bis in die Arktis. Eine Umweltforscherin hält dagegen, mit Hilfe erstaunter Fischer.

Eine Plastiktüte treibt im Meer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Plastikmüll im Meer – eine tödliche Bedrohung für Meerestiere. Manche fressen das Plastik, andere verfangen sich darin. Getty Images

Arktische Gewässer sind weit entfernt von Städten und Fabriken. Unser Plastikmüll ist trotzdem bis dorthin vorgedrungen – und das in grossem Ausmass, sagt Jannike Falk-Andersson.

Die norwegische Umweltforscherin leitet ein Projekt, das den Plastikmüll im arktischen Meer reduzieren soll. Ihr Team hat auf dem Archipel Spitzbergen den Mageninhalt von Eissturmvögeln untersucht.

Aufgeschnappt und verheddert

Was die Forscher darin fanden, war verstörend: «90 Prozent der Vögel haben Kunststoff im Magen», erzählt Jannike Falk-Andersson. «Die Fremdkörper können ihr Verdauungssystem schädigen und giftige Stoffe aus dem Plastik in den Körper gelangen.»

Ein Eissturmvogel vor einem Eisberg bei Spitzbergen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eissturmvögel: Die Meeresvögel sind fast das ganze Jahr über in Spitzbergen zu sehen. Sie fressen kleine Fische oder Plankton. Imago / imagebroker

Manche Vogelarten füttern sogar ihre Jungen mit Plastikmüll. Aber auch Fische schnappen nach Plastik. Robben, Delphine und andere Meeressäuger verfangen sich in Plastiktüten.

Der Müll kommt von überall her

Die grosse Zahl an Eissturmvögeln mit Plastik im Magen deckt sich mit anderen Beobachtungen: So ist die Mülldichte auf dem Meeresboden zwischen Grönland und Spitzbergen an einigen Orten innerhalb von zehn Jahren um das 20-fache angestiegen.

Es sei unklar, warum es in der Arktis genau so viel Plastikmüll gebe wie in Gewässern, die nahe an den Ballungszentren liegen, sagt Jannike Falk-Andersson. Eine Rolle spielt wohl der Golfstrom. Er spült vom Süden Müll heran.

Aber es gibt auch lokale Quellen: Rund um Spitzbergen operieren Fischfangflotten aus Norwegen, Russland und Island. Teile des Mülls im Meer und an den Küsten des Archipels stammen von den Fischern.

Einfach ins Meer werfen – und weg

Darum hat die Umweltforscherin begonnen, mit den Fischern zusammenzuarbeiten. Ihr Team sammelte an der Küste Plastikmüll und nahm ihn gemeinsam mit den Seeleuten unter die Lupe. Das Ergebnis: Teile des Abfalls kamen von Frachtschiffen, von Siedlungen und dem Tourismus – aber die Fischer waren geschockt, wie viel Müll von ihnen selbst stammte.

«Sie dachten tatsächlich: Was sie ins Meer werfen, das ist weg», sagt Jannika Falk-Anderson. Weder diese Fischer noch andere Seeleute, mit denen sie gesprochen hat, waren sich bewusst, dass ihre kleinen Sünden zu einem grossen Problem beitragen.

Eine kleine Robbe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch Robben verheddern sich in Plastiksäcken und strangulieren sich in ihrem Befreiungskampf zu Tode. Imago / Blickwinkel

Herrenlose Netze fangen weiter Fische

Die Forscher lernten durch die Zusammenarbeit einiges über den Ursprung des Mülls. Die Fischer konnten ihnen sagen, was verloren gegangen sein musste – zum Beispiel Netze, die irgendwo hängen geblieben waren –, und was willentlich über Bord geworfen worden war – alte Ausrüstungsgegenstände vom Deck der Schiffe etwa.

Diese Erfahrung sei der Schlüssel, sagt Jannika Falk-Andersson: «Die Vereinigung der norwegischen Fischer will nun den Müll im Meer bekämpfen, weil sie auf eine saubere See angewiesen sind.» Verlorene Netze können Schiffsschrauben blockieren und – noch fataler – diese herrenlosen Netze fangen für lange Zeit weiter Fische und andere Meerestiere, die darin verenden.

Jannika Falk-Andersson und ihr Team unterstützen die Fischer bei ihren Bemühungen. Sie organisieren Kurse, in denen besprochen wird, wie man den Verlust von Netzen verhindern kann, und sie sprechen mit den Schiffsbesitzern, um die Entsorgung des Schiffsmülls zu verbessern.

Frachtschiffe im Visier

Dieser lokale Ansatz ist enorm wichtig, aber er genügt nicht. Plastik ist aus der Gesellschaft nicht wegzudenken. Fast zehn Prozent des geförderten Erdöls wird zu Kunststoffen verarbeitet, viel davon landet irgendwann im Meer. Damit dies aufhört, hat Jannika Falk-Andersson nach den Fischern bereits die nächsten Akteure im Blick.

Bald will sie die Besatzungen von Frachtschiffen kontaktieren. Danach will Jannika Falk-Andersson sogar jene Millionen von Menschen ansprechen, die zwar weit weg von der Arktis leben, wegen der Meeresströmungen aber trotzdem mit ihr verbunden sind: alle Bewohner der Küsten von Atlantik und Pazifik.

Stellvertretend wird sie die Regierungen dieser Länder zum alljährlichen arktischen Forum im norwegischen Tromsö einladen – und ihnen dort erklären, warum es so wichtig ist, das Problem des Plastikmülls zu lösen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 10.6.2017, 12.40 Uhr.

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