Subversive Kunst Stalin und die Sexmusik

In Dmitri Schostakowitschs Oper «Lady Macbeth von Mzensk» gibt es heissen Sex zu sehen und zu hören. Dem Sowjet-Diktator Joseph Stalin war das ein Dorn im Auge. In der Folge besann sich Schostakowitsch auf subversivere Stilmittel.

Porträt Dmitri Schostakowitsch Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dmitri Schostakowitsch liess sich seine Musik von Stalin nicht verbieten – und versteckte die kritischen Inhalte. Keystone

  • 1934 überraschte Dmitri Schostakowitsch in seiner zweiten Oper «Lady Macbeth von Mzensk» das Publikum mit wildem Sex.
  • Josef Stalin ächtete Schostakowitsch und dessen Musik danach. Der Komponist war ab sofort auf der schwarzen Liste des Regimes.
  • Schostakowitsch aber komponierte weiter und versteckte seine kritischen Inhalte geschickt vor den Ohren Stalins und der Kulturbehörde.

Pornographie ist heutzutage leicht zugänglich, und angedeuteter Sex sowie Nacktheit auf der Bühne sind auch gang und gäbe. Das war in den 1930er-Jahren anders. 1934 überraschte Dmitri Schostakowitsch das Opernpublikum mit wildem Sex, den er in seiner zweiten Oper «Lady Macbeth von Mzensk» unverblümt zeigt.

Der schnelle Takt zum Akt

Eine der einschlägigen Szenen komponierte er besonders genüsslich und detailliert aus: Die Protagonistin Katerina Ismailowa und ihr Geliebter Sergei lassen es sich am Ende des ersten Aktes gut gehen – und zwar laut, heftig und ausgiebig.

Schostakowitsch unterlegt die Szene mit einer sehr schnellen, polka-artigen Musik. Der stampfende Rhythmus gibt den Takt für den Sexualakt vor. Der Komponist lässt Katerina und Sergei stöhnen und vor Lust schreien.

Die Ersteifung von Sergeis Glied wird mit vielen Glissandi in den Posaunen illustriert, genauso wie der fulminante Orgasmus. Anschliessend ist sogar zu hören, wie Sergeis Penis schlaff wird.

Zu wenig Sitte für Stalin

Dem Publikum gefiel's, dem prüden Josef Stalin hingegen überhaupt nicht. Denn solche Szenen widersprachen eklatant dem – vordergründig – so gesitteten Weltbild, das er propagierte. Er schrieb einen krachenden Verriss in seiner Propaganda-Zeitung «Prawda».

Auszug aus Stalins Kritik «Chaos statt Musik» in der Prawda (1936)

«Die Volksmassen erwarten schöne Lieder, aber zugleich auch gute Instrumentalmusik und Opern. Dieser ›Musik‹ zu folgen ist schwer, sie sich einzuprägen unmöglich. Das Publikum wird von Anfang an mit absichtlich disharmonischen, chaotischen Tönen überschüttet. Melodiefetzen und Ansätze von Musikphrasen erscheinen nur, um sogleich wieder unter Krachen, Knirschen und Gekreisch zu verschwinden. So geht es fast die ganze Zeit. Den Gesang ersetzt das Geschrei. Und wenn es dem Komponisten gelingt, eine einfache, ausdrucksstarke Melodie zu finden, dann stürzt er sich sofort wieder in das Dickicht des musikalischen Chaos, das stellenweise in Kakophonie übergeht.»
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Buchhinweis

Julian Barnes: «Der Lärm der Zeit». Kiwi-Verlag, 2017.

Stalin ächtete damit nachhaltig Schostakowitsch und dessen Musik. Der Komponist war ab sofort auf der schwarzen Liste des Regimes, er und sein Schaffen standen unter Beobachtung. Er musste jederzeit mit einer Verhaftung oder mit noch Schlimmerem rechnen.

Diese gefährliche Situation und Schostakowitschs Zustand beschreibt auch der britische Schriftsteller Julian Barnes in seinem Roman «Der Lärm der Zeit» eindringlich.

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Sendehinweis

Der «Kontext» nähert sich am 13.6. über Julian Barnes Buch dem Künstler und Menschen Schostakowitsch an.

Subversive Mittel

Der damals knapp 30-jährige Schostakowitsch musste sich überlegen, wie er als verfemter Musiker trotzdem weiter komponieren und arbeiten konnte, ohne dabei seine Haltung aufzugeben. Fortan versteckte er die kritischen Inhalte vor den Ohren Stalins und der Kulturbehörde, indem er sich auf musikalische Semantiken bezieht, welche die Schergen des Regimes nicht kannten oder verstanden.

Eine wichtige Referenz war dabei die Instrumentationslehre des französischen Romantikers Hector Berlioz, welche von Richard Strauss ergänzt wurde. In seiner fünften Sinfonie etwa verwandelt Schostakowitsch einen hübschen und ganz Stalins Gusto entsprechenden Walzer in einen makabren Totentanz. Er lässt ein Xylofon mitspielen, dessen klappernder Klang wache Ohren sofort als Ironisierung erkennen.

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Kunst in der Sowjetunion

Porträt Sofia Gubaidulina

Sofia Gubaidulina. Getty Images

Eine Frage des Tempos

Im Finale derselben Sinfonie schliesslich steigert er die Musik zu einer gewaltigen Apotheose, scheinbar eine Verherrlichung des Geschehens. In einem schnellen Tempo gespielt klingt sie triumphal und jubelnd, in einem langsameren Tempo wird die Wirkung jedoch ins Gegenteil verkehrt. Der Schluss wirkt erdrückend, genauso wie Stalins Regime.

Bei der Uraufführung wurde absichtlich ein schnelles Tempo gewählt, um den Diktator im Glauben zu lassen, Schostakowitsch habe sich den Weisungen der Kulturdoktrin gebeugt und komponiere jetzt im Sinne des Sozialistischen Realismus. Aus Skizzen und Aufzeichnungen des Komponisten geht jedoch hervor, dass er dezidiert das langsame, erdrückende Tempo für diesen Schluss vorgesehen hatte.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 13.6.17, 9:02 Uhr

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