Zum 100. Geburtstag Gerhard Meier – ein Weltbürger, der sich an die Provinz verlor

Vor 100 Jahren wurde der Schweizer Autor in Niederbipp geboren. Die Provinz war sein literarischer Kosmos, hier fand er seine Geschichten.

Gerhard Meier in seinem Zuhause in Niederbipp. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erst Arbeiter, dann Autor: Gerhard Meier 1998 in seinem Zuhause in Niederbipp. Keystone

  • Der Schweizer Autor Gerhard Meier (1917-2008) wurde vor 100 Jahren in Niederbipp geboren.
  • Meier verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in der Provinz, dort spielen auch seine Romane.
  • Sein Werk kreist um die inneren Wirklichkeiten der Menschen. Sie waren der Kompass, dem Meier beharrlich folgte.

Gerhard Meier galt vielen als Doyen der zeitgenössischen Schweizer Literatur, obwohl er sich geografisch kaum vom Fleck bewegte. Die längste Zeit seines Lebens verbrachte er in Niederbipp, einem Dorf am Jurasüdfuss.

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Sendehinweise

  • Zum 100. Geburtstag ehrt «Passage» den Autor Gerhard Meier in einem Feature. 23. Juni, 20 Uhr, Radio SRF 2 Kultur.
  • Die «Sternstunde Kunst» zeigt den Porträtfilm «Das Wolkenschattenboot» von Friedrich Kappeler. 25. Juni, 11:55 Uhr, SRF 1.
  • Meiers letzter Roman «Ob die Granatbäume blühen» ist als «Hörspiel» zu hören am 25. Juni, 17:06 Uhr, SRF 1.

Wenn man sich wunderte, wusste er zu spotten: «Ich glaube, Weltbürger wird man nur über den Provinzler. Man muss den Dienstweg einhalten: erst Provinzler, dann Weltbürger.»

Für Gerhard Meier war Niederbipp, wo er am 20. Juni 1917 geboren wurde, der Nabel der Welt. Quelle für schwebende Gedichte, Prosaskizzen und Romane, in denen Raum und Zeit durcheinanderwirbeln.

Schreiben wie Schnaps

Gerhard Meier wuchs wie ein Einzelkind auf. Er war der jüngste, die erstgeborene Schwester 20 Jahre älter. Sein Vater hielt sich meist in Zürich auf, er war Psychiatriepfleger im Burghölzli. Die Mutter, eine Deutsche von der Insel Rügen, blieb eine Fremde im Dorf. Sie liess ihren Sohn in Ruhe, im besten Sinn des Wortes.

Sich selbst überlassen, erkundete Gerhard Meier seine Umgebung, die Wiesen und Felder, den Wald. Er entdeckte die Liebe zu den Pflanzen, insbesondere den Bäumen, und zur Sprache.

Angeleitet von einer verehrten Lehrerin schrieb er schon in der zweiten Klasse Gedichte, für ihn eine «innere Notwendigkeit», wie er später sagte. Aber mit 20 entsagte er dem Schreiben «wie der Alkoholiker dem Schnaps».

Erst Arbeiter, dann Autor

Er hatte die Gärtnerstochter Dora Vogel kennengelernt, die Liebe seines Lebens. Das Hochbaustudium am Technikum in Burgdorf brach er ab und gründete eine Familie. Um sie zu versorgen, trat er in die Lampenfabrik AKA in seinem Heimatdorf Niederbipp ein.

33 Jahre lang blieb er bei der AKA, erst als Arbeiter, zuletzt als Leiter der kreativen und technischen Abteilung. Im Winter 1956/57 musste er ein halbes Jahr in einem Lungensanatorium verbringen. Und da wurde er rückfällig in Sachen Literatur. 1964, mit 47, veröffentlichte er sein erstes Buch, den Gedichtband «Das Gras grünt».

Eine spirituelle Erfahrung

«Das Land hat seine Eigentümer vergessen und hat es satt, nur Umgebung zu sein», heisst es im Titelgedicht. Für Gerhard Meier war alles aufgeladen, alles in einen Kosmos verwebt: Musik, Literatur, Malerei, Landschaft. Und seit Kindertagen war das Schreiben eine Möglichkeit, spirituelle Erfahrungen festzuhalten.

In Gerhard Meiers Elternhaus hatte es keine Bücher gegeben, nicht einmal eine Bibel: «Gerade diese Unbescholtenheit in Sachen Kultur hat mich ganz auf meine eigene Art leben lassen. Ich konnte buchstäblich das Licht greifen, den Wind schmecken, der Zeit zuhören.»

Alles dreht sich um Niederbipp

1971 entschloss sich Gerhard Meier, damals 54-jährig, die Arbeit in der Lampenfabrik aufzugeben. Er machte sich an sein Hauptwerk, die Roman-Tetralogie um zwei Niederbipper. Baur und Bindschädler lernen sich im Militärdienst kennen und werden zusammen alt.

Sie spazieren durch Niederbipp, das in der Tetralogie Amrain heisst, machen auch mal einen Ausflug nach Solothurn oder Olten und reden. Über Gott und die Welt, über Kunst, über Literatur, eigentlich über nichts.

«Pathos des Gewöhnlichen»

Dieses Nichts ist aber so anrührend und intensiv wie ein Bild von Mark Rothko, den Gerhard Meier verehrte. In der monochromen und doch aufgeladenen Malerei des abstrakten Expressionisten sah er sein Schreiben gespiegelt.

Für Gerhard Meier waren die inneren Wirklichkeiten die eigentlichen Wirklichkeiten. Sie waren sein Kompass, dem er beharrlich folgte. Immer mit einem kindlichen Staunen, immer verschmitzt darauf bedacht, dass das «Pathos des Gewöhnlichen» und die «Dramatik des Undramatischen» zu ihrem Recht kamen.

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