150 Jahre Reclam Ein Hoch auf das kleine Gelbe

Gelb wie ein Kanarienvogel, klein genug für die Manteltasche und für jeden erschwinglich: Zum 150. Jubiläum der Reclam-Hefte blicken wir mit Schriftstellerinnen und Kulturschaffenden zurück.

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Alles Gute zum Jubiläum, Reclam!

2:52 min, vom 29.5.2017
  • Vor 150 Jahren erschien das erste Reclam-Büchlein – Goethes «Faust» – damals noch in Frakturschrift und mit blassrosa Umschlag.
  • Der Reclam Verlag war daran beteiligt, dass Literatur massentauglich und Taschenbücher populär wurden.
  • Heute greifen nicht nur Studenten, sondern auch Schriftsteller und Künstlerinnen gerne zum praktisch kleinen, billigen, gelben Buch.

Wer kennt sie nicht, die kleinen gelben Büchlein, die in jede Manteltasche passen? Zahllose Schülerinnen und Schüler haben sie gelesen, und dem Literaturstudenten sind sie täglich Brot. Seit 150 Jahren bieten die handlichen Bändchen von Reclams Universalbibliothek für wenig Geld Zugang zur Weltliteratur.

150 Jahre gepflegtes Zerfleddern: «Faust» von 1867, im 1. Weltkrieg und heute. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 150 Jahre gepflegtes Zerfleddern: «Faust» von 1867, im 1. Weltkrieg und heute. Keystone

Zum Preis einer Seife

«Faust. Eine Tragödie von Goethe. Erster Theil» steht in Frakturschrift auf dem ersten Umschlag der Reclam-Reihe, damals noch hellrosa. Zwei Silbergroschen kostete der Band – so viel wie ein Stück Seife oder ein Liter Milch.

Den Startschuss gab 1867 eine Neuordnung des Urheberrechts. Texte wurden nun 30 Jahre nach dem Tod des Urhebers gemeinfrei. Lessing, Schiller und Goethe standen plötzlich zur freien Verfügung.

Die Zeit war reif für Taschenbücher

Auch andere Faktoren waren Mitte des 19. Jahrhunderts günstig, erklärt Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach: «Man brauchte damals billigen Lesestoff.» Einerseits gab es ein traditionelles Bildungsbürgertum in Deutschland. Andererseits waren auch die Arbeiter- und Bildungsvereine auf dem Vormarsch.

Eine Studentin vor einem Buchregal mit Reclams. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gelb, gelb, gelb sind (fast) alle meine Bücher. Imago/Felix Abraham

Ausserdem wurde in diesen Jahren ein neues Verfahren der Papierherstellung erfunden, ergänzt Ulrich von Bülow: «Man konnte Papier nicht mehr nur mit tierischen, sondern auch mit pflanzlichen Fasern herstellen. So konnte man Bücher sehr viel billiger produzieren.»

Massenware ab Automat

Mehr Nachfrage und einfachere Herstellung: Dies begünstigte, dass günstige Taschenbücher als Alternative zum gebundenen Buch aufkamen. Die Universalbibliothek aus Leipzig wuchs in ihren Anfangsjahren rasch, um 140 Titel pro Jahr.

50 Jahre nach der Gründung, 1917, umfasste sie bereits gegen 6000 verschiedene Titel. Spitzenreiter unter den Reclam-Bändchen war damals Schillers «Wilhelm Tell» – mit 2.3 Millionen verkauften Exemplaren. Literatur war zur Massenware geworden. Man konnte die Reclam-Bändchen sogar am Automaten kaufen.

Ein Verlag, zwei getrennte Häuser

In den 1950er-Jahren eroberten Taschenbücher endgültig den deutschsprachigen Literaturmarkt – da war Reclam längst schon eine Marke. Allerdings mit zwei Verlagshäusern, die weitgehend unabhängig voneinander arbeiteten. Das ursprüngliche, in Leipzig, lag in der DDR, das zweite, neu gegründete, in Stuttgart. Es vertrieb, mit einem Lizenzvertrag, im Westen die Bücher der Universalbibliothek.

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Das Verlagshaus in der Bundesrepublik war massgebend für das heutige Aussehen der Reclam-Hefte: Der grellgelbe Umschlag wurde 1970 eingeführt.

Ein Gelb, das heute aus vielen privaten Bücherwänden hervorleuchtet: bei Schülern und Studentinnen, Lehrerinnen und Bildungsbürgern, aber auch bei Schriftstellern und Schriftstellerinnen.

Wertvolle Gebrauchsspuren

In den Schrifstellernachlässen in Marbach finden sich immer wieder Reclamhefte, die für die Forschung interessant sind. Ihre Popularität macht die sie nicht weniger wertvoll für ein Literaturarchiv, betont Ulrich von Bülow.

«Reclam-Hefte stammen meistens aus der Frühzeit der Autoren: als sie noch wenig berühmt und reich waren und sich die billigen Reclam-Hefte zugelegt haben. Oft wurde auch sehr intensiv damit gearbeitet, was man etwa in Form von Unterstreichungen oder Anmerkungen sieht.»

Manteltasche statt Coffee Table

Heute haben sich die Reclamhefte zum Kultobjekt entwickelt. Die gelben Bändchen liegen nicht dekorativ auf dem Beistelltisch und verleihen dem Buchregal kaum repräsentativen Glanz. Sind sind ganz für das Eine gemacht: Gelesen und gebraucht, mitgetragen und ergänzt zu werden.

Wenn das Büchlein am Ende zerfleddert, verkrümmt und mit Notizen versehen die Manteltasche wieder verlässt, trägt es die Spuren einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt.

Grosse Literatur braucht nicht immer ein grosses Format. Manchmal sind es die billigsten Büchlein, die das Leben am meisten bereichern.

Welche Erlebnisse und Erkenntnisse verbinden Sie mit einem Reclam-Heft? Erzählen Sie uns Ihre Anekdote oder Geschichte über das gelbe Buch in der Kommentarspalte.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 26.4.2017, 7:20 Uhr

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